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Neue Geschichten

Sommer einer Kindheit

Das Lärmen der Kinder ist verstummt, die Stadt schlafen gegangen. Wolken ziehen auf, verwehren mir den Blick zu den Sternen. Heute Nacht soll es regnen, zum ersten Mal seit sechs Wochen. Seltsam, ich habe schon vergessen, wie es klingt, wenn Regentropfen auf Dächern tanzen. Aber ich erinnere mich an den Duft eines Gewitterregens nach einem heißen Tag. Wie der in den Sommern meiner Kindheit ... damals, als ich noch ein Junge war.

„Komm mit, Ludwig“, rief Waldemar mir zu. „Wir gehen an den Weiher. Du wirst sehen, das wird die pure Gaudi!“

Der Weiher war die einzige Attraktion, die unser Dorf im Sommer zu bieten hatte. Oft nahmen wir unsere Badesachen gleich mit zur Schule, damit wir nach Unterrichtsschluss nicht nach Hause mussten, wo wir Gefahr liefen, mit lästigen Arbeiten behelligt zu werden. Wenn wir abends noch tropfnass, aber herrlich erfrischt zu Hause ankamen, erwartete uns zwar immer ein väterliches oder mütterliches Donnerwetter, aber das taten wir mit einem Achselzucken ab.
„Wir sind nur einmal jung“, lautete die Devise und danach lebten wir. Mochten die Eltern noch so schimpfen und toben, wenn ich mit schelmischem Grinsen das Motto zitierte, lächelten sie: „Ja, du hast Recht. Du bist nur einmal jung. Mach das Beste draus!“

„Nein, heute nicht“, antwortete ich meinem Freund, „Ich muss noch was für die Schule tun.“
„Streber!“, gab Waldemar beleidigt zurück und ließ mich einfach stehen.
Ich atmete erleichtert auf. Er hatte meine Lüge nicht bemerkt.
Ich warf einen Blick auf meine Armbanduhr. Mir blieb noch genau eine halbe Stunde bis zu meiner Verabredung. Ich musste mich beeilen. So schnell ich konnte rannte ich nach Hause, tappte auf Zehenspitzen an der Küche vorbei die Treppe hoch zu meinem Zimmer und öffnete leise den Kleiderschrank. Hastig tauschte ich die Krachlederne gegen meine nagelneuen Jeans, das abgewetzte blaue Hemd gegen eines dieser T-Shirts, die gerade in Mode gekommen waren. Ein prüfender Blick in den Spiegel: Auch heute ließ mein erstes Barthaar vergeblich auf sich warten. Dafür lag meine Frisur tadellos, nachdem ich sie mit Pommade in Form gebracht hatte. Ich lächelte mir zu.
In der Küche hantierte Mutter lautstark mit ihren Kochtöpfen. Die beste Gelegenheit, das Haus unentdeckt wieder zu verlassen.

Anitas blonde Mähne leuchtete mir schon von Weitem entgegen.
Seit sie ein paar Wochen zuvor als neue Schülerin in unsere Klasse gekommen war, hatte ich davon geträumt, mich einmal mit ihr zu verabreden. Sie war rot geworden, als ich sie stotternd fragte, ob ich ihr die Mammutbäume in unserem Wald zeigen dürfe.
„Ja, gern“, hatte sie geantwortet.
„Hast du lange gewartet?“, fragte ich atemlos, als ich am verabredeteten Treffpunkt eintraf.
„Och, ne halbe Stunde oder so?“ Wenn sie lächelte, hatte sie ein niedliches Grübchen am Kinn.
„Aber … ich bin doch pünktlich?“, fragte ich verlegen.
Aus ihrem Lächeln wurde ein helles Lachen.
„Ja doch, ich hab nur Spaß gemacht.“
„Also dann: auf zu den Mammutbäumen“, gab ich den Marschbefehl und nebeneinander setzten wir uns in Bewegung.
Anita begann zu erzählen. Von der Stadt, in der sie gelebt hatte, von der Trennung ihrer Eltern und wie sehr sie sich einen Hund wünschte. Von dem „Fluch“, wie sie es nannte, ohne Geschwister aufzuwachsen, ihrer alten Schule und dem Stiefvater, den sie fürchtete. Ich war froh, nichts sagen zu müssen, denn vor Aufregung hätte ich wohl nur hilfloses Gestammel über die Lippen gebracht. Neben mir lief das Mädchen meiner heimlichen Träume und erzählte mir von ihrem Leben. Alles, was sie sagte, unterstrich sie mit lebhaften Gesten und ich hätte ein Vermögen dafür gegeben, ihr Gesicht beobachten zu können.
Nach zwanzig Minuten strammen Fußmarschs erreichten wir die Lichtung.
Fünf gewaltige Mammutbäume standen hier im Kreis angeordnet, jeder Stamm mehr als zwei Meter im Durchmesser.
Anita sah staunend daran empor.
„Die Kronen reichen ja bis in den Himmel“, flüsterte sie.
Ich empfand etwas wie Rührung. Sie wirkte so zerbrechlich, wie sie vor den Bäumen stand, so winzig. Unendliche Zärtlichkeit erfüllte mich und machte mich mutig. Ich ergriff ihre Hand. Sie zog sie nicht weg. Schweigend standen wir für eine Weile vor den Giganten, dann riss Anita sich plötzlich los: „Fang mich, wenn du kannst!“
Wie die Kinder tobten wir zwischen den Stämmen, bis uns der Atem ausging.
„Danke, dass du mich hierhergebracht hast.“ Anita lächelte mich an.
Ich sah ihre leuchtenden Augen, ihre wunderbar geschwungenen Lippen, zwischen denen weiße Zähne hervorblitzten und das Grübchen an ihrem Kinn. Ich konnte nicht anders: Ich musste sie küssen. Mit unsicheren Schritten ging ich auf sie zu, versuchte eine Umarmung und bot ihr meine Lippen zum Kuss.
Doch was dann geschah, damit hatte ich nicht gerechnet.
„Sag mal, spinnst du?“, brüllte sie mich an. „Lass deine Pfoten von mir! Du bist ja auch bloß so ein widerliches Dreckschwein!“ Ohne Zögern winkelte sie ihr Knie an und stieß es mit voller Wucht zwischen meine Beine. Stechender Schmerz schoss durch meinen Unterleib und erfasste für einen Moment meinen ganzen Körper. Ich fiel zu Boden, rang nach Atem.
Sie beobachtete mich schweigend.
Wuttränen liefen mir übers Gesicht, als ich mich endlich wieder aufrappelte. Aber, ich schwöre, was danach kam, wäre nicht passiert, hätte sie mir mit ihren Beschuldigungen nicht immer und immer wieder zugesetzt.

Vier Wochen später entdeckte ein Wanderer ihre Leiche an einen Mammutbaum gelehnt, den Blick aus leeren Augenhöhlen zum Himmel gerichtet.
Die Medien hatten bald einen Schuldigen gefunden.
„Mann tötet Stieftochter“ lautete eine Schlagzeile, „Blutiges Ende eines Kindesmissbrauchs“ eine andere. Vor Gericht wurde der Mann aus Mangel an Beweisen freigesprochen.

Ich habe nie mit einer Menschenseele darüber gesprochen. Meinen Eltern erklärte ich, ich hätte Ärger mit Waldemar und überhaupt ein ziemliches Tief, Waldemar sagte ich, ich hätte Ärger mit den Eltern. Dann ließen sie mich in Ruhe. Anita war noch neu in der Klasse gewesen und hatte keine Freunde. Von unserem Treffen wusste niemand. Niemals fiel auch nur der geringste Verdacht auf mich.
Als ich volljährig wurde, verließ ich das Dorf meiner Eltern und kehrte nie mehr dahin zurück.
Jetzt hat mich die Vergangenheit eingeholt …

„Du verdammter Heuchler … kommst daher und machst mir weis, du hättest alles gesehen? Willst mir nachgeschlichen sein … hast mir die Lüge mit der Schularbeit nicht abgekauft … nennst mich Mörder!

Wie hast du mich gefunden? … Sprich lauter, du verdammter Bastard! … Der Zeitungsbericht … das Foto von der Beisetzung meiner Frau … Hatte eben Pech, die Schlampe, wie die anderen auch … Bestie nennst du mich? … Waldemar, Waldemar … dass unsere Freundschaft so enden muss. Warum hast du denn nie was gesagt? Ich meine, als ich noch da war? Du hattest was? Sprich deutlicher, ich kann dich dich nicht verstehen! Warte, ich nehme dir den Knebel ab.“
„Angst!“
„Zurecht, mein Junge, zurecht. Und nun schrei, solange du noch Atem hast …“
5.6.07 08:15


Jeder Tropfen zählt

Meister Nord war Schneider. Er nähte Blusen und Hemden, Hosen und Röcke, Fräcke, Kleider und Westen. Jahraus jahrein saß er mit gekreuzten Beinen auf dem groben Holztisch gleich neben dem Fenster und ließ seine Nadel tanzen.
Die Leute brachten ihm ihre schönsten Stoffe. „Meister Nord, näht mir einen Rock daraus“, baten sie, oder „Am Wochenende ist Tanz in der Dorfschänke. Schneidert mir ein Kleid, das so schön ist, dass alle Burschen nur mit mir tanzen wollen!“
Sorgfältig nahm Meister Nord dann Maß, notierte die Ergebnisse auf einen Fetzen Papier und machte sich daran, mit seiner großen spitzen Schere den Stoff zurechtzuschneiden. Was er nicht brauchte, ließ er einfach auf den Boden fallen.
Meister Nord hatte keine Frau. So musste er ganz allein für sich sorgen. Von allen Hausarbeiten, die es zu erledigen galt, hasste er das Aufräumen am allermeisten. Als er es müde geworden war, Tag für Tag Stoffreste vom Boden aufzulesen, beschloss er, sie einfach dort liegen zu lassen. Mit der Zeit bildeten sich rund um seinen Tisch beachtliche Häufchen aus groben und feinen, bunten, einfarbigen und gemusterten Stoffen. Darauf saßen kleine und große Zuhörer, denn Meister Nord war nicht nur Schneider, er war auch Geschichtenerzähler.
Zuerst hatte er sich Geschichten ausgedacht, um sich beim Nähen die Zeit zu vertreiben. Dann fing er an, sich diese Geschichten laut zu erzählen, um die Stille im Haus zu vertreiben. Das hörte Fienchen Hansen, sie erzählte es ihrer Freundin, die brachte gleich ihren kleinen Bruder mit und ihre Mutter obendrein. Bald wurde die Schneiderstube zum Treffpunkt für Alt und Jung.
Meister Nord freute sich, denn in seinem Haus war es nun gar nicht mehr still. Seine Geschichten wurden immer blumiger und spannender, die Besucher beflügelten des Meisters Fantasie. Erst wenn das Licht der Kerzen am Abend nicht mehr ausreichte, beendete der Schneider seine Arbeit und begab sich zur Ruhe.
Eines Nachts hatte er einen Traum: Er saß wie immer auf dem Tisch in seiner Schneiderstube, da ging plötzlich die Tür auf und viele Menschen traten ein, die er noch nie gesehen hatte.
Als der Schneider erwachte, dachte er: „Wie schön wäre es, wenn ich meine Geschichten der ganzen Welt erzählen könnte. Aber niemand kennt unser Dorf. Wer sollte hierher finden? Ich muss mir etwas einfallen lassen ...“
Einen Tag und eine Nacht grübelte der Meister. Stumm stach er die Nadel durch seine Näharbeit. Keine Geschichte kam über seine Lippen. Die erwartungsvollen Zuhörer gingen enttäuscht nach Hause. Aber am nächsten Morgen rief Meister Nord: „Ich hab’s“, sprang aus seinem Bett und in seine Kleider, stürmte aus dem Haus, die Dorfstraße entlang. Vor dem Haus von Müller Freese blieb er stehen.
„Freese, alter Schurke, ich brauche deinen Esel.“
„Dann muss ich weiter“, rief der Schneider und rannte zum Haus von Bäcker Oldeburg. „Gottfried, ich brauche deinen Karren“, sagte der Meister und rang um Luft, als er bei der Backstube ankam.
„Nord, beruhige dich erstmal. Du bist ja ganz außer Atem“, sagte der dicke Bäckermeister und als Meister Nord wieder bei Kräften war, fragte Oldeburg weiter: „Nun erzähl doch mal. Wozu brauchst du meinen Karren?“
„Vorletzte Nacht, da hatte ich einen Traum und heute Morgen eine Idee. Deshalb muss ich fort und brauche deinen Karren!“
„Du scheinst ein bisschen verwirrt, dennoch will ich dir meinen alten Karren überlassen, den neuen brauche ich selbst.“
Schneider Nord klatschte in die Hände.
„Gottfried, du bist ein wahrer Freund“, jubelte er noch, während er den hölzernen Wagen zu Freeses Haus zog, wo der Esel schon angebunden stand.
„Ich bringe dein Eselchen so bald ich kann zurück“, versprach der Meister, spannte das Grautier vor den Karren, setzte sich auf den Wagen und schnalzte mit der Zunge. Meister Freese blickte dem seltsamen Paar verdutzt hinterher.

Zum nächsten Dorf brauchten sie nur einen halben Tag.
Zielstrebig steuerte Meister Nord das Haus des Ortsvorstehers an. Das kannte er schon von seinen früheren Besuchen in der Nachbarschaft.
Den fragte er: „Kennt Ihr jemanden in Eurem Dorf, der etwas Besonderes kann?“
Jakob Petersen legte die Stirn in Falten und dachte nach.
„Hm, sagte er nach einer Weile. Da fällt mir nur der olle Friedrichsen ein. Der kann mit den Ohren wackeln, dass man den Windzug spürt.“
„Denkt nach, fällt Euch vielleicht noch jemand anderes ein?“
Der Ortsvorsteher kratzte sich am Kinn.
„Metzger Maier vielleicht. Wenn der die Schweine schlachtet, singt er dabei die schönsten Lieder. Die Leute stehen Schlange vor seinem Schlachthaus, nur um ihn einmal singen zu hören.“
„Das ist der Richtige“, sagte Meister Nord und eilte davon. Er hörte nicht mehr, als Petersen ihm hinterherrief, was er denn vom Metzger eigentlich wolle.
Als er des Metzgers Haus verließ, grinste er vor Freude bis über beide Ohren. Er stieg auf seinen Eselskarren und fuhr weiter.

Das Dorf Jemgung besaß sogar einen Bürgermeister und der wusste sofort, wen er dem fremden Schneider empfehlen konnte.
„Du meinst bestimmt die Jutta. Die ist ein bisschen verrückt, aber tut niemandem was zuleide. Köchin ist sie im Gasthaus und wenn sie in ihren Töpfen rührt, schwingt sie das Tanzbein so hoch, dass die Burschen sich an den Fenstern zur Küche die Nasen plattdrücken.“
Auch Jutta machte Meister Nord seine Aufwartung. Als er das Gasthaus verließ, schwánkte er ein wenig, aber war mit sich und der Welt zufrieden.
Auf dem Karren machte er ein Nickerchen, während der Esel brav Richtung Heimat zuckelte.

Nach seiner Rückkehr erzählte Meister Nord niemandem, wo er gewesen war oder was er gemacht hatte. Stattdessen brach er in ungewohnte Geschäftigkeit aus, räumte die Stoffschnipsel der letzten drei Jahre beiseite, wienerte die Küche und putzte sogar die Fenster. In drei Tagen würde er wichtigen Besuch empfangen.

Köchin und Metzger trafen zur gleichen Zeit bei der Schneiderstube ein und fanden herzliche Aufnahme. Zwei Tage lang schmiedeten die Drei Pläne, manchmal konnten Passanten sie herzlich lachen hören. Die Leute im Dorf schüttelten den Kopf.
„Was brütet der Schneider nur aus?“, fragten sie ein ums andre Mal.
Nach zwei Tagen intensiver Beratung verließen die Gäste das Dorf und die Leute schüttelten wieder den Kopf, als Köchin und Metzger Arm in Arm lachend davonspazierten.
„Ihr wisst, was zu tun ist“, rief Meister Nord ihnen hinterher und seine Augen leuchteten.
„Du hörst von uns“, rief die Köchin über die Schulter zurück.

Meister Nord war’s zufrieden. Sein Plan würde aufgehen, wenn es seinen neugewonnenen Freunden gelang, die Ortsvorsteher und Bürgermeister von ihrem Vorhaben zu überzeugen.

Er hatte sich überlegt: „Wenn ich für die ganze Welt Geschichten erzählen möchte, dann träumen Köchin und Metzger vielleicht auch davon, ihre Kunst einem großen Publikum zu präsentieren. Wir müssen einen Weg finden, Fremde in unsere Gegend zu ziehen.“

Irgendwann im Verlaufe ihrer Diskussionen hatte der schneidernde Geschichtenerzähler den rettenden Einfall gehabt.
„Wir erfinden ein Meer“, rief er aus und tanzte vor Aufregung von einem Bein aufs andere.
Seine Mitdenker waren skeptisch.
„Wie kann man ein Meer erfinden? Wo nehmen wir denn das ganze Wasser her?“
Nun kam Meister Nords große Stunde und er fing zu erzählen an.
„Wenn wir alle zusammenhalten, dann ist das ein Kinderspiel. Wir erklären einfach unsere Dörfer zu Küstenorten, bauen Deiche gegen die Flut und führen aus fernen Ländern ein paar Seemöwen ein.“
„Aber das Wasser fehlt“, unterbrachen die beiden anderen, „was ist mit dem Wasser?“
„Daran habe ich natürlich auch gedacht. Jedes Dorf bekommt einen riesigen unterirdischen Tank aus gebranntem Lehm. Den füllen wir nach und nach mit Wasser. Dabei müssen natürlich alle mithelfen! Erst wenn alle Tanks gefüllt sind und alles startbereit ist, beginnen wir damit, die Nachricht zu verbreiten. Auf ein verabredetes Zeichen hin müssen dann alle Dörfer Frauen, Männer und Kinder freistellen. Die müssen die Pumpen bedienen. Alle zwölf Stunden müssen die Tanks völlig leer sein.“
„Und wo fließt das Wasser hin?“
„Die riesige Ebene die sich vor unseren Dörfern erstreckt, ist ein ideales Wasserbecken. Ganz wichtig aber: Pünktlich alle zwölf Stunden müssen die Dörfer das Wasser wieder abpumpen. Das macht die Sache interessanter. Wir erklären das Auftauchen und Verschwinden des Wassers mit Ebbe und Flut, hängen an den Dorfeichen Tidekalender aus und dann müssen wir nur noch warten, bis die ersten Neugierigen an unsere „Küste“ reisen.“
„Ich habe noch eine bessere Idee: Wenn wir die Zeiten, wenn das Wasser kommt und geht, jeden Tag ein bisschen verändern, dann können die Fremden Wetten abschließen, ob das Meer bei ihrem Eintreffen gerade da oder gerade weg ist!“, warf Jutta, die Köchin, ein. Ihr Vorschlag wurde einstimmig angenommen.

Nur wenige Wochen später erhielt Meister Nord nacheinander Nachricht von Metzger und Köchin. Das Projekt „Meerlüge“ konnte beginnen.

Überall entlang der neu gegründeten Küste brach Geschäftigkeit aus. Die größten Lehmbrennereien des Landes erhielten Aufträge mit höchster Geheimhaltungsstufe, auf den Straßen herrschte Hochbetrieb. Pferdefuhrwerke brachten gewaltige Pumpen in die Dörfer.
Die stärksten Männer der Küstenregion zogen in Kolonnen von Ort zu Ort, hoben riesige Gruben für die Wasserspeicher aus oder verdingten sich als Deichbauer. Spezialtrupps brachten mit Ochsenkarren Sand in die Ebene, schichteten ihn an verschiedenen Stellen zu riesigen Haufen auf und gaben sie für Inseln aus.
Pferdekuriere wurden ausgeschickt, im Süden allerlei Seevögel zu fangen.

Als Wasserspeicher und Pumpen installiert und die Deiche gebaut waren, Seemöwen über der Ebene kreisten und die Tidekalender in Schönschrift geschrieben und an die teilnehmenden Küstenorte verteilt waren, befand Meister Nord, dass nun alles bereit sei.
Männer, Frauen und Kinder bildeten Menschenketten vom Brunnen zum Wassertank. Auf diese Weise brachten sie Wasser ins Reservoir. Vorausschauende Bürger trugen mit gesammeltem Regenwasser zum Gelingen des Projekts bei.
Nach einer Woche war es geschafft. Am nächsten Tag konnte die erste Flutung der Ebene beginnen.

„Unser Meer braucht einen Namen“, sagte der Bürgermeister von Jemgung anlässlich der Feierstunde.
„Ich weiß, ich weiß!“, rief Jutta aus und drehte dabei eine wundervolle Pirouette. „Wir nennen es nach seinem Erfinder!“
„Nordmeer? Nein, das Wort hat keinen Klang, wie ich finde. Wie wär’s mit Nordsee?“

Sobald die Nachricht von der plötzlich entstandenen Nordsee im ganzen Land die Runde gemacht hatte, kamen Neugierige angereist. Gasthäuser mussten um Übernachtungsmöglichkeiten ausgebaut werden, Metzgereien. Bäckereien und all ihre Zulieferer erlebten einen Geschäftsaufschwung ungeahnten Ausmaßes, Meister Nord baute seine Schneiderstube an und stellte fünf Reihen Stühle für die Zuhörer auf. Der Metzger sang in neu errichteten Fischhallen und die Köchin tanzte dazu. Das Projekt „Meerlüge“ war zum größten Erfolg aller Zeiten geworden.

In den folgenden Jahren und Jahrhunderten geriet das Geheimnis immer mehr in Vergessenheit. Nur in der Nachkommenschaft des Schneidermeisters Nord wurde die Entstehungsgeschichte hinter vorgehaltener Hand von Generation zu Generation weitergereicht.
Die menschlichen Pumparbeiter wurden von hochmodernen, computergesteuerten Maschinen abgelöst, die nicht nur effektiv sondern verschwiegen sind. Wartungsarbeiten finden unter höchster Geheimhaltungsstufe statt, die dafür abgestellten Spezialisten müssen ein mehrjähriges Verlässlichkeitstraining absolvieren.

Das Dorf Jemgung jedoch setzte dem Schneidermeister Nord ein Denkmal. Noch heute ziert es den Marktplatz der Stadt. Unter dem bronzenen Bildnis des Meisters ist ein Spruch eingraviert, den nur versteht, wer die wahre Geschichte kennt:
„Jeder Tropfen zählt.“
4.6.07 21:32


Wir werden Oma

„Du wirst Oma.“
An ihrem 21-sten Geburtstag beendet meine Tochter mein sorgloses Dasein als berufstätige Nicht-Hausfrau und kinderlose Mutter, als internetsüchtelnde Webmistress und spinnerter Workaholic mit drei simplen Worten.
„Ich werde was?“, frage ich überflüssigerweise, um meinem Verstand Gelegenheit zu geben, zu begreifen, was mein Gehör gerade unmissverständlich vernommen hat.
„Oma“, gibt sie gnadenlos zurück.
Ich bin froh, dass sie mir die Nachricht via Telefon übermittelt. So bleibt ihr der Anblick meiner aufgerissenen Augen und der Schweißperlen auf meiner Stirn erspart. Den Biss ins Sofakissen verkneife ich mir gerade noch, als ich die Katzenhaare darauf entdecke.
„Anfang zweiter Monat“, setzt sie hinzu, während ich weiter um Luft und Wörter ringe.
„Das glaub ich erst, wenn ich den Mutterpass sehe.“ Meine Ratio versucht, Zeit zu gewinnen.
„Den krieg ich erst in zwei Wochen, aber ich kann dir ein Ultraschallfoto zeigen, wenn ich nachher zu dir komme.“
„Alles klar, bis später dann“, sage ich hölzern, drücke die „Aus“-Taste am Handy – und beiße doch ins Sofakissen, inständig hoffend, dass ich eine unbehaarte Stelle erwische.
„Schatz, du siehst aus, als hättest du ein Gespenst gesehen. Geht’s dir nicht gut?“, fragt Martin, mein Lebensgefährte, als er aus dem Bad kommt.
„Ich werde Oma“, stammele ich und lege meinen Verstand zur vorübergehenden Aufbewahrung in den Kühlschrank. „Ich werde Oma, verdammt nochmal. Tu was!“, keife ich und trommele gegen seine Brust.
Martin erweist sich als der verständnisvollste Mann der nördlichen Hemisphäre und nimmt mich einfach in den Arm, während mich die totale Verweigerung am Kragen hat.
„Ich will das nicht … Tu doch was … Ich kann doch jetzt nicht Oma werden … Ich bin doch selbst noch ein Kind …“
Spätestens jetzt kann er sich das Lachen nicht mehr verkneifen.
„Stimmt“, sagt er und grinst mich schelmisch an.
„Ich glaub’s nicht. Und weißt du auch, warum?“ Ich setze meinen Philosophenblick auf und fahre fort: „Weil nicht sein kann, was nicht sein darf, basta!“
Martin wagt nicht, mir jetzt zu widersprechen. Während er sich an der Kaffeemaschine zu schaffen macht, meint er beiläufig: „Morgen geh ich dann mal los und sehe zu, dass ich irgendwo eine Kittelschürze für dich auftreibe“, und als er meinen mordlüsternen Blick sieht, fügt er genüsslich das Wort mit den drei Buchstaben hinzu. Ich möchte ihn hauen, besinne mich aber auf meine gute Erziehung. Gewalt ist schließlich keine Lösung. Galgenhumor hingegen schon.
„Ok, mein Lieber. Die neue Couch kannst du gleich wieder abbestellen. Nix mehr modern. Zeit der Gediegenheit. Wir brauchen Polster mit großen Ornamenten und Echtholzarmlehnen.“
„Nicht zu vergessen die neue Schrankwand in Eiche rustikal!“
„Weg mit den abstrakten Bildern, her mit dem röhrenden Hirsch!“
„Nix mehr Monk am Dienstagabend – ab jetzt gibt’s Musikantenstadl am Samstag.“
„Und Sex nur noch zu den Festtagen“, grinse ich und ich weiß, jetzt möchte er mich hauen ... aber auch er ist gut erzogen und beschränkt sich auf ein süffisantes Lächeln, während er für mich das Bild des Grauens vervollständigt: „Lockenwickler und Stützstrümpfe besorge ich dann auch noch, Liebes.“
Er stellt zwei Kaffeebecher auf den Couchtisch und fragt gespielt vorsichtig: „Oder möchtest du doch lieber Kamillentee? – Ich meine ... ich hab mit Omas noch keine Erfahrungen. Nicht mit gleichaltrigen jedenfalls ...“
Ich muss was tun, sonst platze ich. „Übersprunghandlung“ nennt man das, glaube ich, in der Verhaltensforschung. Ein bisschen irre vor mich hin kichernd gehe ich zur Spüle und lasse Wasser ein. Dass ich schon vor einer Stunde gespült habe und die Kaffeetassen noch gar nicht benutzt sind, entgeht mir dabei völlig. Ich stehe da und starre die Schaumbläschen an, die auf dem Wasser tanzen. Als mir die Sinnlosigkeit meinen Unterfangens bewusst wird, ziehe ich den Stöpsel aus dem Becken. Wasser gurgelt übrigens nicht, wenn es abläuft, es spricht. Zugegeben, es klingt ein bisschen wie ein Quaken, aber ich kann das 3-Buchstaben-Wort eindeutig identifizieren.

Es klingelt. Sie ist da. Dieses Kind, das ich vor 21 Jahren an einem Freitag den 13. geboren habe, nimmt grinsend meine Glückwünsche entgegen und reicht mir ein Ultraschallfoto.
„Darf ich vorstellen? Dein Enkel.“
Mit dem Computerausdruck in der Hand gehe ich ans Fenster. Ich brauche Licht. Das Bild ist erstmal zweitrangig. Ich will die Daten sehen. 3 cm. 7 SSW, voraussichtlicher Geburtstermin: 01.08.2007. Im Geiste spiele ich die Möglichkeiten durch: Wie ist sie an den Ausdruck gekommen? Hat sie vielleicht nur eine schwangere Freundin zum Arzt begleitet und das Bild einfach gemopst? Oder existiert irgendwo ein Schwarzmarkt für Ultraschallfotos zum Zwecke des unblutigen Müttermords? Verzweifelt suche ich nach dem Beweis, dass diese Aufnahme nicht zu dem Kind gehört, das da vor mir steht – und finde keinen.
„Ich will es bekommen“, sagt meine Tochter, Heischen nach Zustimmung in ihrem Blick.
„Du bist nicht schwanger“, sage ich trotzig.
„Bin ich doch!“
Das Gör war schon immer widerspenstig und rechthaberisch.
„Bist du nicht, verdammt noch mal. Du hast dich geirrt, eindeutig!“
„Jaja, und der positive Schwangerschaftstest, meine morgendliche Übelkeit, das Ziehen in der Brust ... und nicht zuletzt mein Gynäkologe auch!“
„Ich glaub’s erst, wenn ich den Mutterpass sehe. Ende der Diskussion.“
Sichtlich enttäuscht macht sich Töchterlein auf den Weg, um auch dem angehenden Opa die Nachricht zu überbringen.
Als sie gegangen ist, nimmt Martin mich wieder in den Arm.
„Du wirst immer du sein“, sagt er.
Plötzlich sehe ich Bilder vor mir: ich beim Stramplerkauf, beim Windelwechsel und beim Kinderwagenschieben ... Er, wie er über die Holzeisenbahn meines Enkels stolpert und im Ohrensessel Märchen vorliest.

„Na, wenn das so ist“, seufze ich, „Herzlichen Glückwunsch, wir werden Oma!“
14.12.06 11:38


Leierkastenmann

Wenn im Herbst die Ernte beendet war und beißender Rauch von brennendem Kartoffelkraut das Atmen schwer machte, warteten wir auf den Leierkastenmann. Mit leichten Melodien brachte er Fröhlichkeit in unser Leben, gerade richtig, um uns die Schrunden an den Knien vergessen zu lassen, den schmerzenden Rücken und die rissigen Hände, die ungelenk den Griffel über die Schiefertafel führten.
Die Disziplin im Klassenzimmer unserer „Zwergenschule“ zwang Lehrer Mayer dann, uns zu ermahnen:
„Anneliese, wo bist du nur mit deinen Gedanken?“
„Käthe, aufhören mit der Tuschelei!“
„Else, halt die Füße still! Wir sind doch hier nicht in der Tanzstunde!“
Uns älteren Mädchen fiel es besonders schwer, uns auf den Lernstoff zu konzentrieren, wenn wir den Leierkastenmann in der Nähe wussten.
Nach dem Unterricht kontrollierten wir einander die Zöpfe, strichen unsere Schürzen mit den Händen glatt und zwickten uns in die Wangen, um ihnen einen rosigen Schimmer zu verleihen. Arm in Arm zogen wir durch die Straßen, die kleineren Kinder folgten uns. Nur die „großen Jungs“ fühlten sich viel zu erwachsen für dieses Spektakel.
Meist trafen wir den Leierkastenmann beim Brunnen auf dem Marktplatz. Die erste Begegnung war in jedem Jahr mit großem Hallo verbunden. Erkennen blitzte aus seinen blauen Augen und „Ihr seid ja schon wieder größer geworden“, rief er uns entgegen, wenn wir näher kamen. Mit einem Zwinkern in Richtung meiner Freundinnen fügte er „und hübscher“ hinzu. Dann drehte er die Kurbel und wir tanzten zu seinen Walzermelodien bis unsere Füße in den klobigen Schuhen schmerzten.
Keine von uns wusste, wo der Leierkastenmann vorher gewesen war oder wohin er als nächstes gehen würde und niemand traute sich je nach seinem Namen zu fragen, gerade so, als fürchteten wir, einen Mythos zu zerstören, den Schleier zu lüften, der unserer Jugend einen ganz besonderen Zauber verlieh.
Als der Krieg ausbrach, bereitete er damit auch unserer Unbeschwertheit ein jähes Ende. Ich war sechzehn, als meine beste Freundin Ruth und ihre gesamte Familie deportiert wurde. Noch heute brennen Tränen in meinen Augen, wenn ich an das Entsetzen in ihrem Blick denke, die Angst vor dem Ungewissen. Ich sah sie nie wieder, ebensowenig wie die meisten meiner Mitschüler, die wir mit Hurra-Rufen an die Front verabschiedeten.
Hier auf dem Land waren wir sicher vor Bombenangriffen, mussten keinen Hunger leiden. Dennoch konnten auch wir nicht die Augen verschließen. Die Liste der Gefallenen, die der Bürgermeister regelmäßig an die alte Kastanie auf dem Marktplatz anschlagen ließ, wurde täglich länger, die Zahl trauernder Mütter, Töchter und Schwestern stieg. Farben schienen aus unser aller Leben verbannt. Schwarz beherrschte das Bild in den Straßen und auf den Feldern. Nur die wilden Blumen am Wegrand erinnerten mit frivoler Farbenpracht an das Leben.
„Else, mein Armes, komm her, ich reib dir den Rücken mit Franzbranntwein ein“, sagte meine Mutter, wenn wir abends von der Feldarbeit zurückkehrten in das Haus, aus dem alle Freude gewichen war. Mein Bruder Hans war schon beim ersten Fronteinsatz gefallen und seit Monaten warteten wir auf Nachricht von meinem Vater.
„Weißt du noch …?“, fragte Mutter, während ihre Hände meinen Rücken massierten. Jedes Gespräch begann fast automatisch mit dieser Frage, gemeinsame Erinnerungen gaben uns die Kraft, den Mut nicht zu verlieren.
Auf der kleinen Anrichte in der Wohnküche hatte Mutter einen Altar aufgebaut. Sobald wir nach Hause kamen, entzündete sie die Kerze, die zwischen den Fotografien unserer Lieben stand. Darüber hing ein großes Holzkreuz an der Wand. Jeden Abend vor dem Zubettgehen beteten wir gemeinsam für Vaters gesunde Rückkehr und Hans’ Platz im Himmel.
Erst als der Krieg vorbei und mein Vater nach kurzer Gefangenschaft nach Hause gekommen war, kehrte nach und nach auch meine Lebensfreude zurück. Ich fühlte mich nicht mehr schuldig, wenn ich bei der Feldarbeit ein fröhliches Liedchen trällerte oder sich meine Füße im Takt zur Musik aus dem Weltempfänger bewegten. Mit meinen Freundinnen fuhr ich einmal pro Woche zum Tanzen in die Nachbarstadt. Nun, da unsere Jugend unwiderruflich vergeudet war, hofften wir, unser Glück in Form gesunder, junger Männer zu finden, die uns zum Traualtar führen würden.
„Weißt du noch“, fragte Käthe eines Abends, „wie wir um den Brunnen getanzt sind? Und wie die Augen des Leierkastenmanns leuchteten?“
Der Leierkastenmann! Niemand hatte ihn vermisst während der finsteren Zeiten. Auch ich hatte keinen Gedanken an ihn verschenkt, doch jetzt blitzte die Erinnerung schmerzhaft durch mein Bewusstsein.
„Was wohl aus ihm geworden ist?“, fragte ich.
„Ach, der ist sicher sesshaft geworden. Hat Frau und Kinder irgendwo“, mutmaßte Luise.
„Vielleicht ist er eingezogen worden, sitzt noch in Gefangenschaft“, warf Käthe ein.
„Vielleicht ist er aber auch gefallen“, murmelte ich.

* * *

Beißender Rauch von brennendem Kartoffelkraut zog über das Dorf. Jeden Tag erwartete ich die Geburt meines ersten Kindes, da hörte ich Kinderrufe: „Der Leierkastenmann ist da!“
Ohne nachzudenken nahm ich die Schürze ab, strich mein Haar mit den Händen glatt, zwickte mir in die Wangen und rief Mutter zu: „Ich bin bald zurück!“
So schnell die Füße meinen unförmigen Körper trugen, eilte ich zum Marktplatz.
„Groß bist du geworden“, begrüßte mich der Leierkastenmann. „Und bildhübsch“, fügte er zwinkernd hinzu. Luise, Käthe und Marlene, meine Freundinnen, warteten schon.
„Nur die Wehen hätten dich zurückgehalten, nicht wahr?“, schmunzelte Käthe, legte den Arm um meine Taille und zog mich zum Brunnen. „Mal schauen, ob du noch Walzer tanzen kannst!“
Einige der Drehorgelpfeifen versagten den Dienst, produzierten nur noch ein „Pfff“ anstelle eines Tons. „Du, du liegst mir im Herzen, du, du liegst mir im Pfff, du, du machst mir viel Schmerzen, weißt nicht wie gut ich dir Pfff.“ Glockenhelles Lachen kommentierte die eigenwillige Melodie.
Alle Schwere fiel von mir ab, ich schwebte über das Pflaster des Marktplatzes und aus dem Augenwinkel sah ich hinüber zum Leierkastenmann. Mager war er geworden, sein Gesicht voller Runzeln und seine Augen stumpf. Als er die Kurbel nach oben schwang, entdeckte ich eine Nummer, schwarz auf seinen Unterarm tätowiert …
27.8.06 23:03


Reisetagebuch

1. Tag:
Gleich nach der Landung die Reisegruppe verloren, muss sie suchen. Keine Zeit zum Schreiben.

2. Tag:
Immer noch allein. Habe mich mit dem Strom der Mitreisenden treiben lassen, aber keinen meiner Kameraden bisher wiedergesehen. Dunkel ist es hier, dafür aber angenehm warm. Ich gebe nicht auf.

3. Tag:
Zwei von den anderen in einem schmalen Durchgang entdeckt. Gemeinsam machen wir uns auf die Suche nach dem restlichen Trupp.

4. Tag:
Endlich gefunden. Die anderen saßen gemütlich um ein kleines Lagerfeuer, als wir sie entdeckten. Wortlos gesellten wir uns zu ihnen. Sie hatten unser Fehlen nicht einmal bemerkt. Dennoch hatte ich das Gefühl, etwas wiedergutmachen zu müssen. Ich warf etwas Holz auf die Glut und fachte das Feuer an. Anerkennung lag im Blick meiner Kameraden.

5. Tag:
Unser Lagerplatz ist nicht unbemerkt geblieben, der Lichtschein des lodernden Feuers muss uns verraten haben. Sie schickten eine Vorhut, die uns neugierig beäugte und zur Weiterreise aufforderte, doch wir blieben. Bald darauf wurden wir von weißhelmigen Soldaten umzingelt. Sie fuchtelten mit ihren Lanzen. Feiglinge!
„Löschen Sie das Feuer und räumen Sie den Platz!“, brüllte ihr Anführer. „Dies ist eine ungenehmigte Versammlung!“
„Wir bleiben!“, rief der unsrige und stocherte in der Glut, dass die Funken stoben. Zu uns gewandt fügte er hinzu: „Keine Angst, die können uns gar nichts!“
Tatsächlich beschränkte sich die martialische Truppe darauf, uns zu beobachten.

6. Tag:
Die Schweine haben Verstärkung geholt! Aus dem Nichts tauchte eine Horde Feuerwehrmänner mit Wassereimern auf. Zischend verloschen die Flammen, doch die Glut blieb unberührt. Während wir eilig versuchten, sie erneut anzufachen, wagten die Weißhelme einen Angriff. Ein paar von uns hat es erwischt. Die Feuerwehr zog sich zurück, sobald ihre Wasservorräte verbraucht waren. Wir zählten die Toten und kümmerten uns um das Feuer. Bald schon loderte es kräftiger als zuvor.

7. Tag:
Die Feuerwehr ist noch zweimal da gewesen. Von Mal zu Mal fällt es uns schwerer, danach die Glut aufs Neue zu entfachen. Die Weißhelme erzielen immer größere Erfolge. Unsere Zahl schrumpft, trotzdem glaubt der Anführer weiter an den Sieg.


8. Tag:
Ich habe genau darauf geachtet. Acht Stunden liegen zwischen den Angriffen durch die Feuerwehr. Acht Stunden, die wir zum Anheizen benutzen. Der Anführer gönnt uns keine Atempause. Die Überlebenden müssen die verlorenen Arbeitskräfte kompensieren. Das heißt: Schuften bis zur Erschöpfung und gleichzeitig aufpassen, dass dich keine Weißhelmlanze durchbohrt. So hatte ich mir die Reise wirklich nicht vorgestellt.

9. Tag:
Für einen Moment glaubte ich heute, der Anführer behielte Recht mit seinem Glauben an den Endsieg. Der Angriff der Feuerwehr blieb aus. Unser Feuer loderte prächtig, warf bizarre Schatten an die rot schimmernden Wände. Auch die Weißhelme waren müde geworden. Auf ihre Lanzen gestützt, schliefen ein paar von ihnen sogar im Stehen. Waffenstillstand? Kapitulation? Ich vermochte nicht zu sagen, in welcher Phase des Kampfes wir uns befanden, lauschte nur auf das rhythmische Pulsieren, das ich zum ersten Mal bewusst wahrnahm.
Der Angriff erfolgte verspätet, aber genauso heftig wie die vorangegangenen.
Die Feuerwehr löschte das Feuer, während der gesamte Weißhelmtrupp mit einem gebrüllten Befehl des Kommandanten an die Waffen gerufen wurde. Eingelullt von der vermeintlich friedlichen Stimmung, wurden wir von den Soldaten überrannt.
Nur eine Hand voll von uns überlebte. Zu wenige, um das Feuer zu füttern. Der letzte Rest der Glut erstickte.

10. Tag:
Die Flucht ist geglückt. Unbemerkt schlich ich mich an den Weißhelmwachen vorbei, drückte mich an der roten Wand entlang, bis ich den Strom der Reisenden erreichte. Noch immer fremd unter Fremden, aber glücklich, dem Feind vorerst entkommen zu sein, suche ich nun nach dem Ausgang … die Weißhelme sind mir auf den Fersen, ich kann sie spüren …

„Marie, Schätzchen, du weißt doch, wie wichtig es ist, das Antibiotikum pünktlich einzunehmen. Am besten alle acht Stunden … du wirst sehen, dann bist du bald wieder ganz gesund.“ Frau Heide strich ihrer Tochter liebevoll übers Haar. Das Kind lächelte schwach. Dann musste Marie niesen.
27.8.06 20:34


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