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Meine (Kurz-)Geschichten

Welch ein gl?cklicher Mann bin ich

Als er ihre Lippen auf seiner Stirn f?hlte, schlug er die Augen auf. So geweckt zu werden, fand er, war einfach die sch?nste Art, den Tag zu beginnen.

?Liebling, der Kaffee ist fertig.?, fl?sterte Lisa sanft.

Mit einem wohligen Seufzen streckte er die Arme nach ihr aus, zog sie an sich und genoss die W?rme, die von ihr ausging.

?Okay, Kleines, ich stehe schon auf.?, murmelte er, noch schlaftrunken, bevor er vorsichtig ein Bein aus dem Bett streckte. "Nun komm schon, Du Faultier?. Mit einem z?rtlichen Nasenst?ber versuchte Lisa, ihrem Weckversuch Nachdruck zu verleihen. ?Die Kinder warten schon am Fr?hst?ckstisch.?

Der Gedanke an die kleinen Racker, die er ?ber Alles liebte, lie? ihn endg?ltig munter werden. W?hrend Lisa in die K?che zur?ck ging, schl?pfte er schnell aus dem Bett und in den Bademantel und verschwand flugs im Badezimmer.

Rolf liebte die Wochenenden. Gemeinsam mit der Familie fr?hst?cken, sch?ne Spazierg?nge, Harmonie und Liebe in jedem Wort, in jeder Geste. Wenn er die Augen schloss, sah er die Bilder vor sich, h?rte Lisas glockenhelles Lachen, mit dem sie ihn jedesmal zu verzaubern verstand.

?Welch ein gl?cklicher Mann bin ich? jubelte er innerlich und schenkte seinem Spiegelbild ein strahlendes L?cheln.


Die T?r wurde aufgerissen. Der Hund sprang aufs Bett und leckte mit seiner langen Zunge quer durch sein Gesicht. In der offenen T?r konnte Rolf seine Frau erkennen. Lisa trug wieder den ihm verhassten rosa Jogginganzug, der ihr eine fast unheimliche ?hnlichkeit mit Miss Piggy verlieh. ?Los!?, keifte sie. ?Heb schon Deinen Hintern aus dem Bett. Wir haben eine Menge zu erledigen und die B?lger pl?rren mir schon seit Stunden die Ohren voll.?

Gern w?re er noch ein wenig im Bett geblieben, h?tte einfach seinen Gedanken nachgehangen und gem?tlich vor sich hinged?st. Doch er wusste, Lisa w?rde keine Ruhe geben, wenn er nicht sofort ins Bad ging. Seufzend ergab er sich in sein Schicksal und als er sein Gesicht im Spiegel betrachtete, kamen ihm die Worte in den Sinn, die er im Traum gedacht hatte.

?Welch ein gl?cklicher Mann bin ich!?. Ein bitteres, gequ?ltes Lachen quoll aus seiner Kehle, als er nach den Rasierklingen griff.
29.11.04 19:30


Waschtag


erschienen in Ausgabe 08/05 der Zeitschrift KURZGESCHICHTEN ISSN 1613-432x

Yeah, yeah, yeah! Ein nicht n?her zu identifizierendes Gr?hlen erklang hinter der T?r, die einen der drei Ausg?nge aus diesem Raum, der wohl ein Wohnzimmer darstellte, bildete.

?Sie m?ssen entschuldigen?, murmelte Klaus und bem?hte sich, seiner Verlegenheit einen m?glichst erotischen Touch zu geben, als er der Kommissarin erkl?rte:

?Das h?rt er schon seit ...?

Gerade rechtzeitig erinnerte er sich daran, dass Frauen darauf stehen, wenn ein vermeintlich starker Mann Schw?che zeigt. Schnell quetschte er ein paar Tr?nen aus seinem linken Auge. Dort wo das rechte h?tte zu finden sein sollen, zierte eine modisch schwarze Augenklappe sein Gesicht. Klaus empfand das nicht als Handicap, im Gegenteil: So was wollen die Weiber doch. Charaktergesicht statt Milchbubifresse, lautete seine Devise und der Erfolg gab ihm Recht. Kein Discobesuch endete ohne One-Night-Stand, kein erstes Date ohne zweite Verabredung. Klaus war ein Weiberheld par excellence.



?Lassen Sie nur?, antwortete Inge Wischnewski, von ihren m?nnlichen Kollegen sp?ttisch auch der Rauschgoldengel genannt, und enthob Klaus damit der Aufgabe, den begonnenen Satz zu beenden. ?Vermutlich ist das seine Art, den Tod ihres Mitbewohners zu verarbeiten.?

Ganz Gentleman besann sich Klaus auf seine guten Manieren:

?Bitte setzen Sie sich doch! Was kann ich f?r Sie tun? Ich dachte, die Untersuchungen seien abgeschlossen.?

Inge Wischnewski strich ihren Minirock glatt, als sie auf der wuchtigen Couch Platz genommen hatte. Zwar war sie dem m?nnlichen Geschlecht alles andere als abgeneigt und dieser Klaus L?mmle hatte ganz sicher einen besonderen Reiz, aber er war nun einmal ein Verd?chtiger. Flirten verboten!



Noch bevor sie ihr Anliegen vorbringen konnte, st?rmte Klaus auf die T?r zu, riss sie auf und br?llte:

?Mach jetzt endlich diese verdammte Musik aus! Das kann ja kein Mensch mehr ertragen!?

Ohrenbet?ubendes She loves you, yeah, yeah yeah war die einzige Antwort, die er erhielt.
...
29.11.04 19:28


Vorbildlich

Ich bin nicht die typische Frau am Steuer. Nein, ich fahre sicher, z?gig und vorausschauend. Klar, gelegentlich verwechsele ich rechts und links, aber das ist doch nicht weiter schlimm. Und dass ich eine Vollbremsung mache f?r jeden Igel, der lustig aufgeplustert ?ber die Stra?e trippelt, ist Ehrensache. Dass ich geschlossene Ortschaften im Schritttempo passiere, versteht sich von selbst. Schlie?lich will ich keine freilaufenden Hunde und Katzen auf dem Gewissen haben ? ach ja, und dann sind da ja auch noch die Kinder! Halt!! Eine Sache kann ich nun wirklich nicht, das muss ich zugeben: ich kann einfach nicht r?ckw?rts einparken ? aber das k?nnen auch viele M?nner nicht. Ich bin also nicht die ?Frau am Steuer?. Wie schon gesagt, ich fahre vorausschauend. Ich trete auf die Bremse, sobald beim hundert Meter entfernten Vordermann die roten Lichter zu Leuchten anfangen und auf der Autobahn kriege ich meist auch nur einen winzig kleinen Schreck, wenn der Typ, der auf dem Beschleunigungsstreifen hinter mir steht, auf die Hupe dr?ckt. Am meisten ?rgert es mich, dass mein Freund immer den R?ckspiegel verstellt. Jedesmal, nachdem er das Auto gefahren hat, kann ich mich gar nicht mehr richtig sehen.

Vor zwei Wochen rief mich meine alte Schulfreundin an. Sie ist vor kurzem nach Bad Vilbel gezogen und weil das ja nicht so weit von mir weg ist, hat sie mich eingeladen. ?Super?, habe ich mir gedacht, ?dann komme ich endlich mal wieder aus diesem Dorf heraus?. Letzten Montag war es dann so weit. Mein Freund ist vorher extra noch an die Tankstelle gefahren und hat den Wagen vollgetankt. War auch besser so, weil ich irgendwie nie so richtig an die Zapfs?ulen heran komme. Meistens muss ich den Schlauch halb ums Auto wickeln und es wird ganz sch?n schwierig, das Benzin in die Tank?ffnung zu bef?rdern. Manchmal spritzt auch etwas davon wieder raus und dann stinken meine Klamotten so. Jedenfalls war mein Auto vollgetankt und die Scheibenwaschanlage hatte Ludwig auch noch aufgef?llt. Das macht er f?r mich, seit ich ihm gesagt habe, dass ich gar nicht wusste, dass man die Motorhaube bei einem Auto auch aufmachen kann. Zur Sicherheit hatte Ludwig aus dem Internet eine Wegbeschreibung f?r mich ausgedruckt, die wir dann drei Tage vorher mehrmals durchsprachen. Bevor ich ins Auto gestiegen bin, hat er mich nochmal abgefragt. Ich wei? gar nicht, warum er so nerv?s geworden ist, als ich gesagt habe, dass ich hinter Ranstadt links abbiegen muss. Ich hatte mich doch blo? versprochen.

Gut gelaunt und voller Vorfreude auf das Wiedersehen mit meiner Freundin stieg ich nun also in mein Auto. Hatte ich schon erw?hnt, dass ich in meinem Auto nie allein bin? Da fahren immer ganz viele Teddyb?ren mit, damit ich jemanden habe, mit dem ich reden kann. Egal, es war zwei Uhr am Nachmittag und um Vier wartete Franziska auf mich. Bis Bad Vilbel sind es rund vierzig Kilometer. Ludwig meinte, ich solle aber mal lieber fr?h genug wegfahren, falls ein Stau auf der Landstra?e w?re. ?Verflixt?, dachte ich nach den ersten f?nf Kilometern, ?jetzt habe ich die Wegbeschreibung zu Hause liegen lassen.? Ach was, Ludwig hatte ja mit mir gepaukt, also konnte doch gar nichts schiefgehen. Ich kam dann auch prima voran. Warum der Traktor hinter mir st?ndig so dicht auffuhr und der Fahrer so b?se guckte, frage ich mich immer noch. Nach einer Stunde hatte ich schon mehr als die H?lfte der Strecke hinter mich gebracht und wusste immer noch, wo ich war. Mein Lieblingsteddy guckte ganz drollig, als ich mir selber auf die Schulter klopfte, aber ich war nun einmal richtig stolz auf mich. In weniger als einer Stunde w?rde ich mit Franziska am Kaffeetisch sitzen und ?ber alte Zeiten plaudern. Ach, wie freute ich mich darauf.

Alles lief prima und ich kam meinem Reiseziel immer n?her, wie mir die Stra?enschilder verrieten. Gelegentlich wurde ich von Radfahrern ?berholt, aber das st?rte mich nicht. Sollten die doch rasen, wenn sie das Bed?rfnis hatten. Da! Jetzt hatte ich aber ein Problem. Ich kam an eine Kreuzung und wie das oft der Fall ist, standen dort nat?rlich Hinweisschilder. Links ging es nach Bad Vilbel ? geradeaus aber auch. Ich konnte mich beim besten Willen nicht mehr daran erinnern, was mir Ludwig dauernd gesagt hatte, und dabei hatte ich doch so flei?ig ge?bt. Hinter mir hupten ein paar Autofahrer, die es eilig zu haben schienen. Konnten die denn nicht warten, bis mir der richtige Weg wieder einfiel? ?Egal?, dachte ich. ?Fahr mal links, du kommst in jedem Fall nach Bad Vilbel.?

Also setzte ich den Blinker und bog links ab, als endlich alles frei war. Der Mann im Wagen hinter mir hatte sich ein paarmal an den Kopf gefasst. Das konnte ich im R?ckspiegel sehen. Sicher hatte er Kopfschmerzen. Der arme Mann - hoffentlich war er bald zu Hause, damit er eine Tablette nehmen konnte.

Die Stra?e nach Bad Vilbel kriegte auf einmal eine Leitplanke in der Mitte. Davon hatte in der Wegbeschreibung nat?rlich nichts gestanden. Die zeichnen ja keine Leitplanken ein ? warum eigentlich nicht? Auf den Hinweisschildern stand aber immer noch ?Bad Vilbel?, ich verstand blo? nicht, wieso die auf einmal blau waren. Vorhin waren sie noch gelb gewesen. Ich dachte gerade daran, dass Blau meine Lieblingsfarbe ist, als mir der Schreck in die Knochen fuhr. ?Du bist auf der Autobahn!?. Also, von Autobahn hatte aber nun wirklich nichts in der Beschreibung gestanden, das wusste ich ganz genau. Was sollte ich jetzt blo? machen?

Umdrehen darf man auf der Autobahn nicht, das hatte ich in der Fahrschule gelernt. ?brigens hatte ich einen ganz komischen Fahrlehrer. Der hat sich immer selbst gebissen, wenn ich am Steuer sa?. Der fand das wohl besonders witzig? Als ich nach einem Jahr meinen F?hrerschein hatte, hatte er ?berall am Arm ganz d?nne rote Zahnabdr?cke. Vielleicht war er ja auch nur irgendwie pervers, wer wei? das schon?

Also gut, Umdrehen ging nicht. Blieb mir also nur ?brig, weiterzufahren bis zur Ausfahrt. Der Golf vor mir tr?delte vielleicht! Franziska wartete doch auf mich und wenn der da vorne so weiter machte, w?rde ich noch zu sp?t kommen. Ich setzte den Blinker und zog elegant an der Schlafm?tze vorbei. Gerade als ich mit dem Golf auf gleicher H?he war, sah ich rechts neben uns das blaue Schild mit den drei wei?en, nein zwei, nein einem wei?en Balken drauf, und als ich endlich am Golf vorbei war ? der hat bestimmt Gas gegeben, um mich zu ?rgern ? war ich auch an der Ausfahrt Bad Vilbel vorbei gefahren. ?Elfriede?, sagte ich mir, ?Elfriede, jetzt wird es aber spannend!? Ich wei? nicht, ob mein Lieblingsteddy das auch fand, jedenfalls nickte er mir zu.

Ludwig hatte mir mal gesagt, dass es nicht so schlimm ist, wenn man mal eine Ausfahrt verpasst. Man f?hrt dann eben an der n?chsten Ausfahrt raus und auf der anderen Seite wieder auf die Autobahn auf. Das konnte ja wohl nicht so schwierig sein! Eine routinierte Autofahrerin wie mich bringt so eine Kleinigkeit jedenfalls nicht aus dem Konzept.

Die n?chste Ausfahrt, die ich sah, geh?rte mir ? und ich staunte nicht schlecht, als ich das Schild ?Frankfurt? erkannte. Ich hatte gar nicht gewusst, dass Frankfurt so nah bei Bad Vilbel war. Jedenfalls fuhr ich an dieser Ausfahrt raus und jetzt musste ich mir nur noch einen Weg suchen, wieder auf die Autobahn aufzufahren, aber schlie?lich konnte ich ja lesen und entnahm dem Schild, dass ich links abbiegen musste. Anscheinend hatten noch viel mehr Autos die Ausfahrt nach Bad Vilbel verpasst, denn auf der Spur zur Autobahn standen die Wagen Sto?stange an Sto?stange. Ich stand da und blinkte nach links, aber neben mir stand ein Lastwagen und der wollte einfach nicht r?berrutschen, um mich reinzulassen. Die Autofahrer hinter mir ?rgerten sich genauso dar?ber wie ich und hupten ganz doll. Der Brummifahrer blieb aber stur ? und ich nat?rlich auch! Von dem Hupkonzert kriegten alle Leute Kopfschmerzen. Ich konnte im Spiegel sehen, wie sie immer wieder mit dem Zeigefinger auf ihre Stirn deuteten. Ich glaube, an dem Tag hatten die Apotheken in Frankfurt einen guten Umsatz.

Als ich zehn Minuten gewartet hatte und der Lastwagen immer noch neben mir stand, fiel mir pl?tzlich ein, dass Franziska ja auf mich wartete ? und inzwischen war ich schon echt sp?t dran. Also dachte ich: ?Elfriede, fahr einfach geradeaus und such dir einen anderen Weg.? ? und das tat ich dann auch. Sehr bald war ich am Ortsschild ?Frankfurt? vorbei und ich freute mich, dass ich endlich auch mal in die Gro?stadt kam. Viel w?rde ich nicht davon sehen, denn ich musste ja den Weg nach Bad Vilbel finden, aber da hatte ich keine Bedenken. Nur die Zeit sa? mir im Nacken. Ein Blick zur Uhr sagte mir, dass Franziska bestimmt schon zum zweiten Mal Kaffee gekocht hatte und sich fragte, wo ich blieb. Ach, dann musste sie sich eben noch ein bisschen gedulden. Was konnte ich denn daf?r, wenn alle Anderen zu dusselig waren zum Autofahren?

Vergn?gt lenkte ich mein Auto durch den Gro?stadtverkehr. Die Stra?en in Frankfurt waren aber wirklich in keinem guten Zustand. Fr?her muss hier wohl die Eisenbahn gefahren sein, aber h?tten die die Schienen nicht irgendwann mal entfernen k?nnen? Schlie?lich will sich doch niemand die Sto?d?mpfer ruinieren! Endlos zog sich der Schienenstrang durch die Stra?en. Kein Wunder, dass niemand au?er mir hier entlangfuhr. Die echten Frankfurter wussten bestimmt besser als ich, wo sie autoschonend fahren k?nnen. Damit es nicht so rumpelte, versuchte ich, wenigstens mit den rechten Reifen auf den Schienen zu bleiben. Ab und zu wechselte ich mal zu den linken, damit die Sto?d?mpfer einigerma?en gleichm??ig abgenutzt wurden.

Irgendwann wurde mir das einfach zu dumm. In die n?chste Nebenstra?e, in die keine Schienen f?hrten, bog ich ab. ?Da sag noch einer, die Hessen w?ren stur?, dachte ich, als ich sah, wie mir die Leute in der Stra?e fr?hlich zuwinkten. Ich konnte nicht zur?ck winken, denn auf dem Kopfsteinpflaster hoppelte das Lenkrad immer so. Immer mehr Leute winkten ? sogar die Autofahrer, die mir entgegenkamen. Sie zeigten immer mit dem Finger nach vorn und fuchtelten ganz lustig mit den H?nden vor der Windschutzscheibe. Ich bin ja kein Gro?st?dter, aber ein bisschen ?bertreiben die es doch mit der Freundlichkeit, finde ich. Ich kann auch gar nicht verstehen, warum die in so einer gro?en Stadt die Stra?en so eng machen. Ich musste ganz sch?n aufpassen, dass ich die Autos am Stra?enrand nicht rammte, wenn mir ein Wagen entgegenkam. ?Elfriede, du willst zu Franziska, vergiss das nicht!? rief ich mich zur Ordnung. Schlie?lich war ich ja nicht zum Vergn?gen in Frankfurt. Mein Gef?hl sagte mir, dass ich mich am besten rechts halten sollte, also bog ich bei n?chster Gelegenheit ab.

Die Stra?e war noch ein bisschen enger, aber die Leute waren genauso freundlich. Nur der Mercedes-Fahrer, der mir entgegenkam, guckte richtig b?se, als ich im Vorbeifahren seinen Au?enspiegel abriss. Wenn der auch so stur sein muss! Die immer mit ihrer eingebauten Vorfahrt. Der h?tte ja warten k?nnen, bis ich vorbei war. Sollte er sich doch einen neuen Spiegel kaufen, das war ja schlie?lich nun wirklich nicht mein Problem. Unbeirrt fuhr ich weiter und ich war mir ganz sicher, dass ich schon bald einen Weg nach Bad Vilbel finden w?rde.

?Elfriede?, dachte ich wieder bei mir. ?Du machst deine Sache gut. Vertrau auf dein Gef?hl.? An der n?chsten Kreuzung gab es keine Vorfahrtsschilder, aber aus der Fahrschule erinnerte ich mich. ?Hier gilt rechts vor links?. Naja, und ich kam ja von rechts.... oder? Als ich rausgefahren war, sah ich im R?ckspiegel, wie ein Auto ganz knapp hinter mir bremste und dann ganz lustig noch ein St?ck nach vorne h?pfte. Scheinbar eine Fehlz?ndung, jedenfalls konnte ich den Rauch noch sehen, als ich schon ein ganzes St?ck weiter gefahren war ? aber einen Wegweiser nach Bad Vilbel sah ich nicht.

Langsam wurde meine Kehle trocken und ich beschloss, mir an der n?chsten Tankstelle Cola und Zigaretten zu besorgen. Eigentlich hatte ich das Rauchen l?ngst aufgegeben, aber heute war mir irgendwie danach. Wenn Ludwig sich wunderte, warum meine Klamotten nach Rauch riechen, w?rde ich ihm einfach sagen, dass Franziska qualmt wie ein Schlot. Ich hasse es, wenn die Leute an Tankstellen immer kreuz und quer parken ? darum fahre ich immer ordentlich an eine Zapfs?ule, ob ich tanke oder nicht. In der Tankstelle wurde ich z?gig bedient und nachdem ich mich ein wenig gestreckt hatte ? die lange Fahrt hatte mich doch ein wenig angestrengt ? stieg ich wieder in mein Auto ein, drehte das Fenster herunter und z?ndete mit dem letzten Streichholz, das ich in der Schachtel in meiner Handtasche fand, eine Zigarette an. Dabei fiel mir ein, dass ich unbedingt neue Streichh?lzer besorgen musste, bevor ich das n?chste Mal zum Friedhof fuhr. Kerzen, die nicht entz?ndet werden, finde ich deprimierend. Damit Ludwig mich nicht auf frischer Tat ertappen konnte, warf ich das brennende Streichholz aus dem Fenster und fuhr los.

Ich war noch nicht weit gekommen, als ich hinter mir einen riesigen Knall h?rte und Flammen aus der Tankstelle schlugen, wo ich eben noch meine Zigaretten geholt hatte. So ein Zufall! Da drehten die doch tats?chlich dort einen Film ? w?re ich noch ein bisschen l?nger dort geblieben, h?tte ich vielleicht als Statist mitwirken k?nnen.

An der n?chsten Kreuzung sah ich endlich ein Hinweisschild. Wenn ich jetzt links abbog, kam ich wieder zur Autobahn. ?Na also, Elfriede! Du hast es wieder einmal geschafft!?. Wenn mich schon sonst niemand lobte, musste ich das eben selbst tun. F?r die Dreharbeiten an der Tankstelle hatten die Filmleute sogar Polizei und Feuerwehr eingespannt. Das Tempo, mit dem sie jetzt in die Stra?e einbogen, aus der ich gerade herausfuhr, wirkte jedenfalls sehr echt und ?berzeugend.

Ich fuhr also in Richtung Autobahn und schaute ganz zuf?llig auf die Uhr. Naja, ganz zuf?llig war das nicht, ich wunderte mich, dass es pl?tzlich schon so fr?h dunkel wurde. Als ich aus dem Tunnel herausfuhr, konnte ich erkennen, dass es mittlerweile 18 Uhr war. Franziska w?rde stinksauer sein.

In der mir eigenen Souver?nit?t setzte ich also meine Fahrt zur Autobahn fort und tats?chlich hatte ich die richtige Auffahrt bald gefunden. Komisch, obwohl ich das Stadtgebiet schon verlassen hatte, waren die Leute, die mir hier begegneten, genauso freundlich wie in Frankfurt, aber dieses Mal konnte ich wenigstens zur?ckwinken, denn Kopfsteinpflaster gab es hier nicht. Einen Nachteil hatte diese Stra?e aber: ich habe keine Ahnung warum, aber irgendwie hatte man vergessen, die Schilder so aufzustellen, dass sie von beiden Seiten zu lesen waren. Jedesmal musste ich versuchen, die Schrift auf den Hinweistafeln im R?ckspiegel zu entziffern. Ach herrjeh, stellte ich auf einmal fest. Nach Bad Vilbel geht es ja in die andere Richtung!

?Kein Problem, Elfriede?, dachte ich, ?dann drehst du eben da vorn um.? Ich hatte Gl?ck. Eine Zeitlang hatte ich ?berhaupt keinen Gegenverkehr, also nutzte ich die Chance und wendete mein Auto. Endlich war ich auf dem richtigen Weg. Und dieses Mal w?rde ich mich nicht wieder vom Temporausch hinrei?en lassen, wenn die Ausfahrt n?her r?ckte. Nach ungef?hr einer halben Stunde war ich bei der Ausfahrt angelangt und freute mich, dass ich bald bei Franziska sein w?rde. Kaffee w?rde ich aber um die Uhrzeit keinen mehr trinken, der machte mich nur nerv?s! Franziskas Adresse hatten wir zwar nicht ausdr?cklich gepaukt, aber ich wusste noch, dass der Stra?enname etwas mit Musik zu tun hatte. Beethoven, Mozart, Bach, Haydn, H?ndel ? ich glaube, es war die Bachgasse. Bachgasse 5, dort wohnte Franziska.

Als Franziska die T?r ?ffnete, schaute sie ziemlich verdutzt. Wahrscheinlich wunderte sie sich, dass ich mich so wenig ver?ndert hatte. Naja, wir hatten uns seit Jahren nicht mehr gesehen und sie selbst war in der Zeit ganz sch?n alt geworden. Franziska ist eben eine alte Jungfer. Mich hat die Liebe jung gehalten. Dass ich entsetzt war ?ber ihren Alterungsprozess lie? ich Franziska aber nicht sp?ren. Ich fiel ihr um den Hals und dr?ckte sie so richtig fest, wie ich das fr?her schon immer gemacht habe. ?Ach Franziska?, seufzte ich, ?entschuldige, dass ich so sp?t dran bin, aber der Verkehr... Wer heutzutage alles einen F?hrerschein bekommt, ist unfassbar. Wenn ich dir erz?hle, was f?r Deppen mir unterwegs begegnet sind....? Franziska war wohl sprachlos vor Gl?ck, mich wiederzusehen. Erst nach einer ganzen Weile schob sie mich von sich und sagte ?Franziska? Ich hei?e Marlene und wer sind Sie??
_________________
29.11.04 19:26


Spiel des Lebens

18.04.1958. Gelangweilt tippte ich mein Geburtsdatum in das daf?r vorgesehene Formularfenster. Schon klar, auf der n?chsten Seite w?rde man mir in unz?hligen allgemeinen Formulierungen darlegen, warum ich bin, wie ich bin.
Von Horoskopen aller Art halte ich ?berhaupt nichts und ich bin nicht im Geringsten abergl?ubisch. Ich hatte die Seite bei meinen virtuellen Reisen durch das Internet zuf?llig entdeckt und weil ich ausnahmsweise mal nichts Besseres zu tun hatte, lie? ich mich auf den Hokuspokus ein.

18.04.1958 tippte ich also. Als ich auf ?Abschicken? klickte, ?ffnete sich ein zweites Fenster, das sich nur langsam mit Inhalt f?llte. Gerade, als ich die Hoffnung aufgeben und in Erwartung der Anzeige ?Website reagiert nicht? den Browser schlie?en wollte, geschah das Unfassbare:

Herzlich Willkommen, Linda Markowski. Nehmen Sie diese einmalige Chance wahr und machen sie Alles besser.

Wie, zum Teufel, konnte das m?glich sein? Ich hatte mein Geburtsdatum eingetippt ? Nichts sonst. Woher also wusste dieser Teufelskasten, woher wusste irgendwer im Internet, meinen Namen?

Ein mulmiges Gef?hl beschlich mich.

Ich zwang mich, genauer hinzusehen. Im Hintergrund des kleinen Fensters waren Menschen zu sehen. Ach, was sag? ich. Menschen! Nicht irgendwelche x-beliebigen Leute. Auf dem Bildschirm sah ich meine Eltern! Ein noch junges Paar, das sich gl?cklich l?chelnd ?ber eine Wiege beugt. Meine Wiege! Jetzt erkannte ich sie.

Linda, eine Laufschrift zog von rechts nach links ?ber den Bildschirm: Folgen Sie den Bildschirmanweisungen und das Spiel Ihres Lebens beginnt. Ein animierter Pfeil deutete auf den Button: ?Weiter?.

Wie in Trance folgte meine Hand der Anweisung, lenkte den Cursor routiniert zum Schalter und klickte einmal die linke Mousetaste.

Im n?chsten Fenster erwartete mich ein erl?uternder Text. An Einzelheiten erinnere ich mich nicht mehr. Nur noch an den letzten Satz:

Willkommen im Spiel Ihres Lebens. Und etwas kleiner: Sie werden weitergeleitet

Auf der n?chsten Seite fand ich ein Auswahlmen?. ?Lindas Leben? stand dar?ber, das Men? selbst enthielt anw?hlbare Jahreszahlen, chronologisch geordnet.

Nun, wenn ich schon das Spiel meines Lebens spielen sollte, dann nat?rlich von Anfang an. Ich entschied mich also f?r den Schalter ?1958 ? 1964?

Ein Brutkasten. Darin ein winziges Menschlein. Schl?uche. Das war ich! Ich war als Siebenmonatskind zur Welt gekommen und die ?rzte hatten mir damals wenig ?berlebenschancen einger?umt. 1958 war der Stand der Medizintechnik ja auch weit weniger ausgereift, als das heute der Fall ist. Ich sah, wie meine Eltern mit einem Mann in wei?em Kittel sprachen. Erst jetzt kam ich auf die Idee, die Lautsprecher einzuschalten und tats?chlich, ich konnte sogar h?ren, was gesprochen wurde:
?Frau Markowski, Sie hat eine geringe Chance. Wenn sie es ohne die Hilfe der Ger?te schafft, wird sie ein ganz normales Leben f?hren k?nnen.?
Meine Mutter weinte. Vater schaute besorgt. Der Arzt setzte noch hinzu:
?Wenn sie es heute nicht ohne diese Hilfe schafft, dann wird sie es nie tun.?
Mutter nickte in stummer Verzweiflung, w?hrend Vater, um Fassung ringend drei Worte sprach:
?Schalten Sie ab.?

Und nun, Linda, ist es an Ihnen, die Entscheidung zu f?llen.
Klicken Sie auf
a) Ich will leben!
oder
b) Ich will lieber sterben!

Wenn ich auf b klickte, w?rde ich wohl ein h?misches ?Game over? ernten und so wollte ich nun ganz bestimmt nicht enden. So entschied ich mich ? nat?rlich ? f?r Alternative a).

Damals hatte ich ebenso entschieden, sonst w?rde ich heute kaum hier sitzen.

Die n?chste Szene baute sich auf meinem Bildschirm auf. Ich sah mich, im h?bschen wei?en Faltenr?ckchen, auf st?mmigen Beinchen lief ich umher. Ich war um die vier Jahre alt. Ich erinnerte mich. Ostereiersuchen auf der Wiese hinter unserem Haus. Das Rauschen des nahen Bachs war deutlich zu h?ren. Und noch etwas. Ich h?rte, wie Vater rief:
?Linda, um Himmels Willen, bleib stehen. Nicht zum Bach, h?rst du?!?

Linda, nun entscheiden Sie:

a) Ich laufe einfach weiter
b) Ich bleibe stehen.


Im richtigen Leben war ich weiter gelaufen und beinahe im Bach ertrunken. Im letzten Moment war es meinem Vater gelungen, mich aus dem kalten Wasser zu ziehen und eine eklige Lungenentz?ndung schloss sich an.
Ich wollte auf b klicken, aber dann erinnerte ich mich an die Liebe und F?rsorge, die meine Mutter mir hatte zuteil werden lassen. Ich konnte die W?rme wieder sp?ren und ? klickte auf a.

So reihte sich Szene an Szene, Bild an Bild, Entscheidung an Entscheidung. Ich hatte l?ngst aufgeh?rt, mich zu wundern. Wie in Trance erlebte ich in diese Online-Spiel mein Leben noch einmal, traf alle Entscheidungen noch einmal.

Die Trennung meiner Eltern, die Entscheidung, ob ich bei Vater oder Mutter leben wollte. Meine Hochzeit. Sollte ich ?Ja? oder ?Nein? sagen? Der Unfall meines Mannes, einige Jahre sp?ter. Grausame Ironie des Schicksals: Ger?te abschalten, ja oder nein? Mein Umzug nach M?nchen. Ein Stellenangebot. Seite um Seite rief ich auf, erlebte die Freuden noch einmal und die unz?hligen Tr?nen. Klickte mich von einer Entscheidung zur n?chsten.

Die Zeit hatte ich l?ngst vergessen. Ich kann nicht mehr sagen, wie lange ich vor dem Bildschirm gesessen hatte, die rechte Hand an der Mouse. Erstaunt sah ich mir selbst zu, wie ich ?lter wurde, wie ich mich ver?nderte.

Und nun, Linda Markowski, sind wir beim entscheidenden Punkt angelangt. Noch eine letzte Entscheidung trennt sie vom Ende unseres Spiels.
Das Bild auf dem Monitor ver?nderte sich. Ich sah mich selbst, als w?rde ich in einen Spiegel sehen.

Ein Text rollte langsam und gleichm??ig vom Fu? der Seite zu ihrem Kopf.

Sie haben die entscheidenden Punkte ihres Lebens noch einmal durchlebt.
Sie haben Entscheidungen noch einmal getroffen.
Unsere Statistik zeigt, dass sie in 100 % der F?lle genauso entschieden haben, wie im richtigen Leben.
Entscheiden Sie jetzt:

Wenn Sie heute Ihr Leben noch einmal leben k?nnten. Was w?rden Sie anders machen?


Diesmal gab es keine Alternative. Nur ein gro?er roter Button prangte nun auf der Mitte der Seite:

?Nichts? stand darauf.

Ich klickte.

Der Monitor wurde dunkel. ?Jetzt hat es den PC zerrissen?, dachte ich, als pl?tzlich eine angenehme M?nnerstimme aus dem Lautsprecher erklang:

?Linda Markowski, Sie haben das Spiel Ihres Lebens noch einmal gespielt. Herzlichen Gl?ckwunsch ? Sie sind ein zufriedener Mensch.?

Nachdenklich schloss ich den Browser, kappte die Internetverbindung, schaltete Rechner und Monitor aus und dehnte meine l?ngst steif gewordenen Glieder. Ich sah mich in meiner Wohnung um, sah die Bilder meines verstorbenen Mannes, die Fotos meiner Kinder, die mir fr?hlich zuzul?cheln schienen, den h?bschen Blumenstrau?, den mir Felix gestern geschenkt hatte.

Und ein einziges Wort kam ?ber meine Lippen:

?Stimmt!?
29.11.04 19:24


Sogar die Kinder

Ein Bote hatte den Brief gebracht. Ein etwa zehnj?hriger, schmutzstarrender Junge in ?rmlicher Kleidung. Er war klein f?r sein Alter.
Ich war sicher, dass er auf den Zehenspitzen hatte stehen m?ssen, um den schweren schmiedeeisernen T?rklopfer zu erreichen und zu bewegen Es musste ihn Kraft gekostet haben, den Ring anzuheben und gegen die dunkle Eichent?r zu schlagen.
Dennoch hatte das Kerlchen nur ein Klopfen zustande gebracht, das lediglich ein wenig lauter war als das Pochen meines eigenen Herzens.

Ich erschrak, denn schon seit Jahren hatte niemand mehr an meine T?r geklopft. Ich f?hrte ein einsames, ein zur?ckgezogenes Leben.

Vorsichtig ?ffnete ich die T?r und war mehr als ?berrascht, diesen kleinen Jungen auf meiner T?rschwelle zu entdecken. Eine dunkelblaue M?tze in der linken, ein br?unliches Rechteck in der rechten Hand, stand er vor mir. Er wirkte ?ngstlich und neugierig zugleich.
Seine blauen Augen erinnerten mich an den Waldsee, den ich auf einem meiner Ausfl?ge mit meinem Vater ? Gott hab ihn selig ? gesehen hatte. Von saftig gr?nen Wiesen umgeben hatte er in der Sonne geglitzert. Das Azur des Himmels hatte sich darin gespiegelt. ?Schau?, hatte mein Vater gesagt, ?es ist, als ber?hre der Himmel die Erde?.

Bei dieser Erinnerung muss ich wohl gel?chelt haben, denn der kleine Junge schien ein wenig seine Scheu vor mir zu verlieren. Schelmisch grinsend hob er die Hand mit dem braunen Rechteck und streckte es mir entgegen.

Wortlos nahm ich den Umschlag in Empfang, verwirrt, ?berrascht, verunsichert. Doch der Kleine konnte ja nichts daf?r. Bevor die aufkeimende Angst mich vollends erfassen konnte, trat ich einen Schritt zur?ck, gab die T?r frei und forderte den Kleinen auf, doch herein zu kommen.

?Nein?, stammelte er, jetzt wieder ?ngstlich, ?das darf ich nicht. Ich muss gehen.?

Ich hatte geahnt, dass er meine Einladung nicht annehmen w?rde. ?Sogar die Kinder...?, dachte ich. ?Warte?, murmelte ich, ?ich will Dir Deinen Lohn geben.?

W?hrend der Kleine an der T?r wartete, ging ich zur?ck in die K?che. Am Morgen hatte ich Brot gebacken. Ich schnitt eine dicke Scheibe von dem noch immer warmen, duftenden Brotlaib, beschmierte sie mit frischer Butter und der Erdbeermarmelade, die ich gerade gestern gekocht hatte.
Als ich mit meiner Gabe in der Hand zur?ck kam, erhellte ein Leuchten das Gesicht des Kindes. Er musste hungrig sein. Wie einen kostbaren Edelstein nahm er das Brot in die Hand, betrachtete es liebevoll, nahm einen herzhaften Bissen, bedankte sich artig und lie? mich mit dem Brief und meiner Angst allein.

Der Brief schien in meinen H?nden lebendig zu werden. Die Buchstaben tanzten vor meinen Augen, als wollten sie mich verh?hnen. Als hielte ich gl?hende Kohlen in der Hand, lie? ich den Brief fallen. Da lag er nun auf den dunklen Holzdielen. Das Braun des Umschlags bildete kaum einen Kontrast zum Boden. Wenn die D?mmerung kam, w?rde er nicht mehr zu erkennen sein.

Meine Angst vor diesem St?ck Papier wuchs ins Unermessliche. Mein Herz jagte das Blut durch die Adern, meine H?nde zitterten, meine Beine wollten mich nicht mehr tragen. Ich sank in den Korbstuhl, der schon zu Lebzeiten meines Vaters in der N?he des Kamins gestanden hatte. Versonnen blickte ich in die z?ngelnden Flammen.

Die Existenz dieses Briefes erf?llte den Raum. Mir wurde abwechselnd hei? und kalt, der Schwei? rann meinen K?rper entlang und ich w?re nicht ?berrascht gewesen, h?tte sich eine Pf?tze auf dem Boden gebildet.
Ich nahm all meine Kraft zusammen, stand schwerf?llig auf und schleppte mich ins Schlafzimmer. Die Last meiner 52 Jahre dr?ckte mich pl?tzlich nieder.
Ich nahm meinen gro?en geh?kelten Umhang vom Bett, wo ich ihn heute morgen nachl?ssig hingeworfen hatte, als ich von meinem morgendlichen Spaziergang zur?ck gekommen war. Ich legte mir den Umhang um die Schultern, hastete zur Eingangst?r und verlie? eiligen Schrittes das Haus.

Als der frische Herbstwind mit meinem Haar spielte, der Duft des nahen Waldes mich umfing, der Eichelh?her mit seinem Ruf meine Anwesenheit verk?ndete, wurde ich ruhiger. Schon als Kind hatte ich mich in der Natur am wohlsten gef?hlt. Hier war ich mehr zu Hause als in dem H?uschen, in dem ich geboren wurde, wo ich aufwuchs und in dem ich alt geworden war. Alles war mir vertraut. Die Tiere, die Pflanzen, jedes noch so kleine Kr?utlein kannte ich mit Namen.

Hier drau?en f?hlte ich mich geborgen und nun, da ich den n?tigen Abstand hatte zu dem Brief, der unheilschwanger auf mich wartete, konnte ich mich meinen Gedanken hingeben.

Warum machte mir ein St?ck Papier so gro?e Angst? Warum hatte ich den Brief nicht einfach ge?ffnet? Hatte mich die Vergangenheit so sehr in die Isolation getrieben, dass ich hinter jedem Kontakt mit den ?Menschen da drau?en? Unheil bef?rchtete?
Auch wenn ich keine Fragen auf das ?Warum? fand, meine letzte Frage musste ich mit ?Ja? beantworten. Ja, ich hatte Angst vor den Menschen. Verlacht hatten sie mich, beschimpft, gequ?lt und ge?chtet.

Es half Nichts. Ich konnte den Brief nicht leugnen. Er lag auf dem Dielenboden, enthielt eine Nachricht, die seinem Absender immerhin so wichtig gewesen war, dass er ihn geschrieben und einem Boten anvertraut hatte.

Bevor ich den Heimweg einschlug, lenkte ich meine Schritte zu der kleinen Kapelle, die ein besonders gl?ubiger Mensch lange vor meiner Geburt hier erbaut hatte, um, so sagte es die Legende ?Gottes Anwesenheit in der Natur? zu huldigen. Das Kreuz, das ?ber dem schlichten Altar hing, hatte meine Tr?nen gesehen, meine Qualen erlebt und mir Trost gespendet. Wenn ich zum Gebet auf die Knie sank, sp?rte ich, wie mich neue Kraft durchstr?mte. Diese Kraft war es, die ich brauchen w?rde, um den Brief zu ?ffnen.

Gest?rkt und mit neuem Mut erf?llt, kehrte ich zur?ck, schob die schwere Eichent?r auf, hob, noch bevor ich meinen Umhang abgelegt hatte, den Umschlag vom Boden auf und legte ihn auf den Tisch in meiner K?che.
Ich musste stundenlang drau?en gewesen sein, denn es d?mmerte bereits. So konnte ich in der kurzen Zeit, in der ich den Brief in den H?nden gehalten hatte, nicht erkennen, ob die Buchstaben noch immer jenen unheimlichen Tanz auff?hrten, der mich so sehr ge?ngstigt hatte.

Ich entz?ndete eine Kerze und ihr Schein fiel auf den Umschlag. Ich konnte ihn greifen, ihn sehen, ja, sogar riechen konnte ich ihn. Ein zartherber Duft entstr?mte dem Papier. Ich schloss die Augen, versuchte, ruhig zu werden. Der Brief war eindeutig an mich gerichtet.
In sicherer, klarer Handschrift hatte jemand meinen Namen auf den Umschlag geschrieben. Die Buchstaben tanzten nicht mehr. Vor mir lag ein einfaches St?ck Papier, das mir keine Angst mehr einjagte. Vorsichtig nahm ich den Brief in die Hand, drehte und wendete ihn in der Hoffnung, einen Hinweis auf seinen Absender zu finden.

Als ich den Brief?ffner zur Hand nahm, um dem Geheimnis des Briefes auf den Grund zu gehen, klopfte es an der Eingangst?r. Laut diesmal. Einsch?chternd. Fordernd.

Ich wagte nicht, dieses Klopfen zu ignorieren, schlurfte zur T?r und ?ffnete. Was dann geschah, kommt mir noch immer vor, wie ein b?ser Traum.

M?nnerh?nde packten mich, rissen an meinen Haaren, schleppten mich zu einem Karren. Sie schlugen nach mir. Ich schrie. Sie traten nach mir. Ich flehte um Erbarmen. Ich wei? nicht mehr, wie viele es waren. Vielleicht drei, vielleicht vier, vielleicht sechs. Ich kann es nicht mehr sagen. Sie hoben mich hoch, stie?en mich in den vergitterten Karren und trieben die Pferde an. Als ich die Flammen sah, die aus dem Dach meines H?uschens schlugen, schrie ich noch einmal laut auf. Danach m?ssen Schmerz und Verzweiflung meinen Verstand mit einem gn?digen Nebel umgeben haben, denn an die Fahrt kann ich mich nicht erinnern.

Als der Nebel sich lichtete, meine Augen sich ?ffneten und meine schmerzenden Glieder mir mein erb?rmliches Dasein bewusst machten, als die Benommenheit der zur?ck kehrenden Angst wich, h?rte ich die Stimmen. ?Hexe brenn, Hexe brenn!? und ich wusste, die Hexe, die sie meinten, war ich.
Vorsichtig setzte ich mich auf und als ich an mir heruntersah machte ich eine unglaubliche Entdeckung. Noch immer hielt ich den Brief in der Hand. Der Brief, der mich ? vor wie vielen Stunden? ? in Todesangst versetzt hatte, hatte mich hierher begleitet. Als die H?scher mich holten, musste ich ihn instinktiv umklammert gehalten haben, als hinge mein Leben davon ab.

Vor dem Hexenturm, denn das war der Ort, an dem sie mich gefangen hielten, br?llte die w?tende Meute. Ich wusste, meine Zeit war gekommen. Sie w?rden mich holen. Bald. Und ich w?rde brennen ? so wie es die Menge forderte.

Durch das kleine Loch in der Mauer fiel Licht in meinen Kerker. Mit zitternden H?nden ?ffnete ich den braunen Umschlag. Ich wusste, ich hatte keine Zeit mehr. Ich musste schnell lesen:

Liebste Anna,

sicher erinnern Sie sich nicht mehr an mich. Sie jedoch sind immer in meinem Herzen geblieben. Das Leben meiner lieben Frau habe ich Ihnen zu verdanken und das Leben meines Sohnes, dem Sie vor nunmehr f?nfzehn Jahren auf die Welt geholfen haben. Durch Ihre Hilfe konnte meine Frau die schwere Geburt ?berleben und Ihrer Heilkundigkeit und Weisheit ist es zu verdanken, dass sich beide von den Strapazen erholten und sich heute bester Gesundheit erfreuen.

Die bangen Stunden, als Mutter und Kind zwischen Leben und Tod schwebten, als der finstere Gesell schon ums Haus schlich, um sie zu holen, Sie waren es, die diese Stunden mit Ihrer Zuversicht ertr?glich machten. Ich habe allen Grund zur Dankbarkeit und heute kann ich mich endlich erkenntlich zeigen.

Anna, Sie m?ssen fliehen! Die Schergen der Inquisition sind schon auf dem Weg. Nur noch wenige Stunden, bis sie an Ihre T?r klopfen und Sie verhaften werden. Glauben Sie mir, ich wei? es aus sicherer Quelle. Ihr Leben ist in h?chster Gefahr.

Sobald Sie den Brief gelesen haben, m?ssen Sie davon laufen. Noch bleibt genug Zeit zur Flucht....


Die Kerkert?r ?ffnet sich. Sie kommen mich holen. Sie rei?en mir den Brief aus den H?nden und w?hrend die Stimmen der w?tenden Meute lauter werden, f?hren sie mich ein letztes Mal ans Tageslicht. ?Hexe brenn! Hexe brenn!? M?nner br?llen es, Frauen br?llen es und sogar die Kinder. Sie wollen mich brennen sehen.

Als sie mich auf den Scheiterhaufen binden, lasse ich meine Blicke ?ber die Menge schweifen.
In der letzten Reihe wendet sich ein Mann ab, ich kann noch die Tr?nen sehen, die ?ber seine Wangen rinnen, bevor er sein schmerzverzerrtes Gesicht in den H?nden vergr?bt und gramgebeugt den Ort meines Todes verl?sst.

Nun kenne ich den Absender der Zeilen. Sein Name ist Johannes.
29.11.04 19:18


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