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Ohrenbet?ubend

Sie liebte die einsamen Spazierg?nge im Wald, das leise Singen des Windes in den Baumwipfeln, das Rascheln des Laubs unter ihren F??en. Wie an jedem Wochenende war sie ?raus gefahren?, hatte den Wagen an irgendeinem Waldparkplatz abgestellt und ihre Wanderung angetreten. Hier war Frieden. Sissi atmete tief durch. Hier war sie sich nah.

Ein heller Fleck im Unterholz erregte ihre Aufmerksamkeit. Neugierig geworden b?ckte sie sich danach. Ein Heft, eingerissen schon, voller Knicke und Falten, als h?tte es eine lange Reise hinter sich. Achtlos weggeworfen oder verloren gegangen?
Vorsichtig ?ffnete Sissi den zerfledderten Umschlag:

Ich liebe meine kleine Welt und doch m?chte ich weg von hier.
Sissi f?hlte sich unbehaglich, als sei sie gerade dabei, das Briefgeheimnis zu brechen. Doch sie konnte nicht anders. Sie musste weiter lesen:

Als ich hierher kam, dachte ich, das m?sste das Paradies sein. Doch mein Garten Eden ist mir zur H?lle geworden. Eine H?lle, weil niemand, kein Mensch, kein Tier ihn mit mir teilt.
Nach all den Jahren habe ich gelernt, was es hei?t, einsam zu sein.


Sissi schluckte. Was sie in der Hand hielt, waren offensichtlich Aufzeichnungen eines zutiefst ungl?cklichen Menschen. So viel war klar. Oder hatte der Text keine tiefere Bedeutung? Hatte sie vielleicht nur ein Fragment eines Romanentwurfs aufgelesen? Sie wollte es genau wissen, schob das Heft in ihre Jackentasche und kehrte um.

Sp?ter sa? Sissi in ihrem gem?tlichen Wohnzimmer, eine dampfende Tasse schwarzen Tees vor sich auf dem Tisch, das Heft in der Hand. Sie las weiter:

Wie k?nnte ich diese Qual beschreiben? Ich wei? es nicht. Es ist, als lebte ich unter einer Glasglocke, in Harmonie mit mir und mit sonst nichts.
Immer ?fter frage ich: ?Warum ich?? Doch nichts und niemand kennt die Antwort. Mein Refugium, ich hatte es f?r meine Rettung gehalten, f?r die L?sung meiner Probleme. Stattdessen hat es mich selbst zu meinem gr??ten Problem gemacht.


?Stattdessen hat es mich selbst zu meinem gr??ten Problem gemacht.?, las Sissi leise und schloss einen Moment lang die Augen, um den Satz auf sich wirken zu lassen. Sie sp?rte so viel Verzweiflung, soviel Hoffnungslosigkeit heraus, dass Tr?nen in ihre Augen schossen. Verwirrt ?ber so viel Emotion f?r einen Text, dessen Sinn sie nicht verstand, dessen Schreiber ihr unbekannt war, lie? sie das Heft sinken.
Weil sie sich selbst darin erkannte? Sie konnte nicht anders, musste weiterlesen:

Ich kann den Tag nicht vergessen, an dem alles begann. Ich wurde von einem lauten Brummen geweckt, dessen Ursprung ich mir nicht erkl?ren konnte. Nach ein paar Minuten, in denen ich mich ratlos umgesehen hatte, erkannte ich die Fliege, die ruhelos durchs Zimmer flog, als den Verursacher des ohrenbet?ubenden Ger?uschs. Unm?glich!, dachte ich. Doch es gab keine andere Erkl?rung. Schon im n?chsten Augenblick zuckte ich zusammen. Ein Knall beendete das Brummen. Die Fliege war gelandet. Ersch?pft vom rastlosen Flug sa? sie auf meinem Nachttisch.
Ich w?hnte mich in einem Traum, versuchte, daraus zu erwachen. Vergebens! Der L?rm eines am Haus vorbeifahrenden Autos lie? meinen Kopf nahezu zerbersten. Ich wusste nicht, was geschehen war, aber ich wusste, dass ich schleunigst zu einem Arzt musste. Nein! Der Arzt musste zu mir kommen. Wenn dieses Ph?nomen von Dauer war, w?rde ich den Weg zu ihm nicht ?berleben.

Das Telefonat war unertr?glich. Ich glaubte zu sp?ren, wie die Trommelfelle in meinen Ohren flatterten, als die Stimme der Sprechstundenhilfe mir wortreich zusagte, ?der Herr Doktor? werde binnen einer Stunde bei mir sein. Ich nutzte die Zeit, um mich gegen die Ger?usche zu sch?tzen, deren Lautst?rke mich um den Verstand zu bringen drohte. Irgendwo in der Nachttischschublade fand ich eine Schachtel Oropax, die noch aus den Zeiten stammte, als ich zur Nachtschicht im Aluminiumwerk eingeteilt war. Ich beeilte mich, meine Geh?rg?nge damit zu verstopfen, doch auch jetzt h?rte ich das Brummen der Fliegenfl?gel so laut, als bef?nde sich ein Hubschrauber unmittelbar neben mir im Landeanflug. Ich kramte meinen dicksten Wollschal aus dem Schrank und wickelte ihn mir um den Kopf. So war der Ger?uschpegel zu ertragen.
Der Arzt diagnostizierte eine stressbedingte dissoziative Sensibilit?tsst?rung, injizierte ein Beruhigungsmittel und verordnete mir ein paar Tage Bettruhe. Es ?nderte sich nichts. Bei seinem n?chsten Besuch sah der Doktor beunruhigt aus, empfahl mir, einen Facharzt aufzusuchen. Eine Menge Spezialisten bekam ich in den folgenden Wochen zu Gesicht. Noch heute meine ich, die Blicke der Leute zu sp?ren, angesichts des merkw?rdigen Bildes, das ich abgab, mit meinem um den Kopf gewickelten Schal. Vom Hals-Nasen-Ohren-Arzt ging ich weiter zum Neurologen, von dort zum Psychologen, doch keiner konnte mir helfen. ?Organisch ist bei Ihnen alles in Ordnung, Herr Kr?ger?. Also musste etwas in meiner Seele nicht stimmen. Sogar dem station?ren Aufenthalt in einer psychiatrischen Klinik stimmte ich zu, immer noch in der Hoffnung, die Spezialisten w?rden mich heilen.
Die anderen Patienten, ?rzte, Pfleger, Schwestern ? alle wussten, dass sie sich mir auf Zehenspitzen n?hern mussten und nur im Fl?sterton ansprechen durften. Jedes Ger?usch, das diese Lautst?rke ?berschritt, lie? mich schmerzerf?llt aufschreien. Nach sechs Wochen fl?sterte der Chefarzt: ?Herr Kr?ger, ich f?rchte, wir k?nnen nichts f?r Sie tun.? Ich war entlassen.
Mit Oropax und Wollschal ausgestattet ? etwas Besseres war auch den Herren Spezialisten nicht eingefallen ? nahm ich den ersten Bus nach Hause.
Zu meinem Arbeitsplatz in der Fabrik w?rde ich nicht zur?ck kehren k?nnen. Der Maschinenl?rm, schon fr?her trotz Geh?rschutz unertr?glich, w?rde mich heute t?ten, dessen war ich sicher. Einer Eingebung folgend, stieg ich bei der Fabrik aus dem Bus. Ich betrat das Geb?ude. Am Empfang br?llte mich der Pf?rtner an: ?Servus, Jupp, altes Haus! Biste wieder gesund?? Ich zuckte zusammen. Meine Schalld?mpferkonstruktion war dieser Verbalattacke nicht gewachsen. Ich antwortete nicht, lie? Emil einfach stehen und lief auf Zehenspitzen weiter zu den Umkleider?umen. Spind 47 ? darin lag mein Industrie-Schallsch?tzer. Den Schl?ssel hatte ich nie vom Bund abgenommen. Schnell ?ffnete ich den schmalen Schrank. Geh?rschutz, Blaumann, Helm und die Tageszeitung von meinem letzten Arbeitstag, der nun schon mehr als drei Monate zur?cklag ? alles packte ich in die Reisetasche, an die ich mich klammerte, seit ich die Klinik verlassen hatte. Wie ein Dieb schaute ich mich um, in der Angst, einer meiner ehemaligen Kollegen k?nnte mich entdecken und in kumpelhaft-lauter Manier begr??en. Doch alles ging gut. Dem Pf?rtner winkte ich wortlos zu, als ich das Geb?ude verlie?. Zehn Minuten Fu?weg noch, dann w?rde ich zu Hause sein. Dort...


An dieser Stelle fehlten wohl einige Seiten. Sissi nutzte die Gelegenheit, um sich einen weiteren Tee aufzubr?hen. Ihre Gedanken waren bei dem soeben Gelesenen.
All jene Ger?usche, die f?r sie Harmonie und Behaglichkeit bedeuteten, das Ticken der Wanduhr, das Schnurren der Katze, die in der Hoffnung auf Futter um ihre Beine strich, f?r Jupp waren sie zur H?lle geworden. Sissi versuchte sich vorzustellen, was Jupp empfinden musste, wenn ein Gewitter tobte, wenn ein Hund bellte oder eine Wespe auf ihn zuflog. Das Sprichwort ?Er h?rt die Fl?he husten? hatte f?r den Mann eine grausame Bedeutung bekommen.
Sissi versorgte die Katze, nahm das Tee-Ei aus der Tasse und zog sich wieder auf die Couch zur?ck. Wie unter Zwang griff sie nach dem Heft.

... abgelegen im Wald. Die Annonce in der Tageszeitung war schon drei Monate alt gewesen, als ich sie entdeckte. Trotzdem hatte ich angerufen. Und einmal im Leben hatte auch ich Gl?ck. Das kleine H?uschen im Wald war noch frei und wie f?r mich gemacht. Kein Wunder, dass au?er mir niemand interessiert gewesen war, das Haus zu mieten: Elektrizit?t und Telefon gab es hier nicht.

Leider war auch diese Umgebung voller Ger?usche. Ohrenbet?ubender Ger?usche! Das Rascheln des Laubes unter den F??en von M?usen, Hasen und Rehen, die Warnrufe des Eichelh?hers, das Pl?tschern der nahen Quelle. Selbst hier in der Abgeschiedenheit stand mein Geh?r unter Dauerbeschuss. Der Industrie-L?rmsch?tzer machte mein Dasein gerade so ertr?glich. Ich wurde zum Einsiedler. Meinen einzigen Kontakt zur Au?enwelt hatte ich einmal im Monat, wenn ich in die Stadt wanderte. Mein Weg f?hrte mich dann zum Postamt, wo ich fast immer entt?uscht vor meinem leeren Postfach stand. Niemand, der mir schrieb. Gelegentlich ein amtliches Schreiben, das mich ?ber meinen Status als Berufsunf?higer informierte ? aber niemand, der mich vermisst h?tte. Manchmal hob ich ein paar Euro bei der Bank ab, um mir im Supermarkt Gegenst?nde zu besorgen, die ich in meiner Kate nicht selbst herstellen konnte. Die Blicke der Leute st?rten mich l?ngst nicht mehr.

Bis ich eines Tages IHR in die Augen sah. Sie schaute mich an ? verwundert und am?siert ? f?r einen Moment sp?rte ich, was ich wirklich vermisste. Eine Hand, die mir z?rtlich durchs Haar strich. Einen K?rper, der sich an mich schmiegte. Einen Mund, der mir Worte der Liebe ins Ohr fl?sterte. Der Blick in ihre Augen machte meine Einsamkeit greifbar, lie? die H?lle meiner Abgeschiedenheit mit all ihrer Gewalt ?ber mich hereinbrechen. Ich wandte mich ab und beeilte mich, in mein H?uschen zur?ckzukehren.

Von diesem Tag an war alles anders. Selbst ged?mpfte Ger?usche erschienen mir nun unertr?glich. In meinem Kopf hallte eine Erkenntnis wider: ?Du bist ein verdammter Freak. Ein Au?enseiter.? Mein Refugium erschien mir wie ein Gef?ngnis. Ich hasste mich, hasste meine Ohren. Nein, ich hasste sie nicht. Ich HASSE sie.

Das Messer, das ich beim Ausflug in die Stadt gekauft habe, wird mein Problem l?sen. Hoffentlich! Mullbinden und Desinfektionsmittel liegen bereit. Ich wei?, dass die Schmerzen schlimmer sein werden, als der Schmerz, den das lauteste Ger?usch produzieren kann. Doch er wird vorbei gehen. Und dann... Stille?


Hier endeten die Aufzeichnungen.

?Wer zu h?ren versteht, h?rt die Wahrheit heraus, wer nicht zu h?ren versteht, h?rt nur L?rm.? Das chinesische Sprichwort kam Sissi in den Sinn, w?hrend sie ihre Jacke anzog, das Heft in die Jackentasche schob, nach dem Autoschl?ssel griff und die Wohnung verlie?.

Beim Waldparkplatz angekommen, stellte Sissi den Wagen ab, stieg aus - und lauschte.
1.3.05 10:25
 


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thinkabout / Website (14.3.05 04:30)
Überall nur Lärm, wo doch die Stille gehört werden müsste, um zur Ruhe zu kommen. Aber keine Stille wäre erworben und verlässlich, die nicht gelernt wäre, geboren aus einer Erfahrung mit dem eigenen Selbst, in der eigenen Seele entdeckt?
Stattdessen üben wir uns im Weghören, machen den Lärm zum Gefährten, in falscher Kumpanei. Wir nehmen den Kampf mit ihm nicht an. Stattdessen tun wir so, als könnten wir mit ihm auskommen. Irgendwann, Irgendwie.
Was ist unser Bewusstsein? Lässt es sich verstümmeln, wegschneiden, abstechen? Oder wecken wir, weckt es uns erst auf, jenseits der Grenze, die wir nicht erfahren, nicht kennen wollen, und die uns doch näher ist, als wir denken, ob wir uns taub stellen oder nicht...
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