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Spiel des Lebens

18.04.1958. Gelangweilt tippte ich mein Geburtsdatum in das daf?r vorgesehene Formularfenster. Schon klar, auf der n?chsten Seite w?rde man mir in unz?hligen allgemeinen Formulierungen darlegen, warum ich bin, wie ich bin.
Von Horoskopen aller Art halte ich ?berhaupt nichts und ich bin nicht im Geringsten abergl?ubisch. Ich hatte die Seite bei meinen virtuellen Reisen durch das Internet zuf?llig entdeckt und weil ich ausnahmsweise mal nichts Besseres zu tun hatte, lie? ich mich auf den Hokuspokus ein.

18.04.1958 tippte ich also. Als ich auf ?Abschicken? klickte, ?ffnete sich ein zweites Fenster, das sich nur langsam mit Inhalt f?llte. Gerade, als ich die Hoffnung aufgeben und in Erwartung der Anzeige ?Website reagiert nicht? den Browser schlie?en wollte, geschah das Unfassbare:

Herzlich Willkommen, Linda Markowski. Nehmen Sie diese einmalige Chance wahr und machen sie Alles besser.

Wie, zum Teufel, konnte das m?glich sein? Ich hatte mein Geburtsdatum eingetippt ? Nichts sonst. Woher also wusste dieser Teufelskasten, woher wusste irgendwer im Internet, meinen Namen?

Ein mulmiges Gef?hl beschlich mich.

Ich zwang mich, genauer hinzusehen. Im Hintergrund des kleinen Fensters waren Menschen zu sehen. Ach, was sag? ich. Menschen! Nicht irgendwelche x-beliebigen Leute. Auf dem Bildschirm sah ich meine Eltern! Ein noch junges Paar, das sich gl?cklich l?chelnd ?ber eine Wiege beugt. Meine Wiege! Jetzt erkannte ich sie.

Linda, eine Laufschrift zog von rechts nach links ?ber den Bildschirm: Folgen Sie den Bildschirmanweisungen und das Spiel Ihres Lebens beginnt. Ein animierter Pfeil deutete auf den Button: ?Weiter?.

Wie in Trance folgte meine Hand der Anweisung, lenkte den Cursor routiniert zum Schalter und klickte einmal die linke Mousetaste.

Im n?chsten Fenster erwartete mich ein erl?uternder Text. An Einzelheiten erinnere ich mich nicht mehr. Nur noch an den letzten Satz:

Willkommen im Spiel Ihres Lebens. Und etwas kleiner: Sie werden weitergeleitet

Auf der n?chsten Seite fand ich ein Auswahlmen?. ?Lindas Leben? stand dar?ber, das Men? selbst enthielt anw?hlbare Jahreszahlen, chronologisch geordnet.

Nun, wenn ich schon das Spiel meines Lebens spielen sollte, dann nat?rlich von Anfang an. Ich entschied mich also f?r den Schalter ?1958 ? 1964?

Ein Brutkasten. Darin ein winziges Menschlein. Schl?uche. Das war ich! Ich war als Siebenmonatskind zur Welt gekommen und die ?rzte hatten mir damals wenig ?berlebenschancen einger?umt. 1958 war der Stand der Medizintechnik ja auch weit weniger ausgereift, als das heute der Fall ist. Ich sah, wie meine Eltern mit einem Mann in wei?em Kittel sprachen. Erst jetzt kam ich auf die Idee, die Lautsprecher einzuschalten und tats?chlich, ich konnte sogar h?ren, was gesprochen wurde:
?Frau Markowski, Sie hat eine geringe Chance. Wenn sie es ohne die Hilfe der Ger?te schafft, wird sie ein ganz normales Leben f?hren k?nnen.?
Meine Mutter weinte. Vater schaute besorgt. Der Arzt setzte noch hinzu:
?Wenn sie es heute nicht ohne diese Hilfe schafft, dann wird sie es nie tun.?
Mutter nickte in stummer Verzweiflung, w?hrend Vater, um Fassung ringend drei Worte sprach:
?Schalten Sie ab.?

Und nun, Linda, ist es an Ihnen, die Entscheidung zu f?llen.
Klicken Sie auf
a) Ich will leben!
oder
b) Ich will lieber sterben!

Wenn ich auf b klickte, w?rde ich wohl ein h?misches ?Game over? ernten und so wollte ich nun ganz bestimmt nicht enden. So entschied ich mich ? nat?rlich ? f?r Alternative a).

Damals hatte ich ebenso entschieden, sonst w?rde ich heute kaum hier sitzen.

Die n?chste Szene baute sich auf meinem Bildschirm auf. Ich sah mich, im h?bschen wei?en Faltenr?ckchen, auf st?mmigen Beinchen lief ich umher. Ich war um die vier Jahre alt. Ich erinnerte mich. Ostereiersuchen auf der Wiese hinter unserem Haus. Das Rauschen des nahen Bachs war deutlich zu h?ren. Und noch etwas. Ich h?rte, wie Vater rief:
?Linda, um Himmels Willen, bleib stehen. Nicht zum Bach, h?rst du?!?

Linda, nun entscheiden Sie:

a) Ich laufe einfach weiter
b) Ich bleibe stehen.


Im richtigen Leben war ich weiter gelaufen und beinahe im Bach ertrunken. Im letzten Moment war es meinem Vater gelungen, mich aus dem kalten Wasser zu ziehen und eine eklige Lungenentz?ndung schloss sich an.
Ich wollte auf b klicken, aber dann erinnerte ich mich an die Liebe und F?rsorge, die meine Mutter mir hatte zuteil werden lassen. Ich konnte die W?rme wieder sp?ren und ? klickte auf a.

So reihte sich Szene an Szene, Bild an Bild, Entscheidung an Entscheidung. Ich hatte l?ngst aufgeh?rt, mich zu wundern. Wie in Trance erlebte ich in diese Online-Spiel mein Leben noch einmal, traf alle Entscheidungen noch einmal.

Die Trennung meiner Eltern, die Entscheidung, ob ich bei Vater oder Mutter leben wollte. Meine Hochzeit. Sollte ich ?Ja? oder ?Nein? sagen? Der Unfall meines Mannes, einige Jahre sp?ter. Grausame Ironie des Schicksals: Ger?te abschalten, ja oder nein? Mein Umzug nach M?nchen. Ein Stellenangebot. Seite um Seite rief ich auf, erlebte die Freuden noch einmal und die unz?hligen Tr?nen. Klickte mich von einer Entscheidung zur n?chsten.

Die Zeit hatte ich l?ngst vergessen. Ich kann nicht mehr sagen, wie lange ich vor dem Bildschirm gesessen hatte, die rechte Hand an der Mouse. Erstaunt sah ich mir selbst zu, wie ich ?lter wurde, wie ich mich ver?nderte.

Und nun, Linda Markowski, sind wir beim entscheidenden Punkt angelangt. Noch eine letzte Entscheidung trennt sie vom Ende unseres Spiels.
Das Bild auf dem Monitor ver?nderte sich. Ich sah mich selbst, als w?rde ich in einen Spiegel sehen.

Ein Text rollte langsam und gleichm??ig vom Fu? der Seite zu ihrem Kopf.

Sie haben die entscheidenden Punkte ihres Lebens noch einmal durchlebt.
Sie haben Entscheidungen noch einmal getroffen.
Unsere Statistik zeigt, dass sie in 100 % der F?lle genauso entschieden haben, wie im richtigen Leben.
Entscheiden Sie jetzt:

Wenn Sie heute Ihr Leben noch einmal leben k?nnten. Was w?rden Sie anders machen?


Diesmal gab es keine Alternative. Nur ein gro?er roter Button prangte nun auf der Mitte der Seite:

?Nichts? stand darauf.

Ich klickte.

Der Monitor wurde dunkel. ?Jetzt hat es den PC zerrissen?, dachte ich, als pl?tzlich eine angenehme M?nnerstimme aus dem Lautsprecher erklang:

?Linda Markowski, Sie haben das Spiel Ihres Lebens noch einmal gespielt. Herzlichen Gl?ckwunsch ? Sie sind ein zufriedener Mensch.?

Nachdenklich schloss ich den Browser, kappte die Internetverbindung, schaltete Rechner und Monitor aus und dehnte meine l?ngst steif gewordenen Glieder. Ich sah mich in meiner Wohnung um, sah die Bilder meines verstorbenen Mannes, die Fotos meiner Kinder, die mir fr?hlich zuzul?cheln schienen, den h?bschen Blumenstrau?, den mir Felix gestern geschenkt hatte.

Und ein einziges Wort kam ?ber meine Lippen:

?Stimmt!?
29.11.04 19:24
 


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