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Sogar die Kinder

Ein Bote hatte den Brief gebracht. Ein etwa zehnj?hriger, schmutzstarrender Junge in ?rmlicher Kleidung. Er war klein f?r sein Alter.
Ich war sicher, dass er auf den Zehenspitzen hatte stehen m?ssen, um den schweren schmiedeeisernen T?rklopfer zu erreichen und zu bewegen Es musste ihn Kraft gekostet haben, den Ring anzuheben und gegen die dunkle Eichent?r zu schlagen.
Dennoch hatte das Kerlchen nur ein Klopfen zustande gebracht, das lediglich ein wenig lauter war als das Pochen meines eigenen Herzens.

Ich erschrak, denn schon seit Jahren hatte niemand mehr an meine T?r geklopft. Ich f?hrte ein einsames, ein zur?ckgezogenes Leben.

Vorsichtig ?ffnete ich die T?r und war mehr als ?berrascht, diesen kleinen Jungen auf meiner T?rschwelle zu entdecken. Eine dunkelblaue M?tze in der linken, ein br?unliches Rechteck in der rechten Hand, stand er vor mir. Er wirkte ?ngstlich und neugierig zugleich.
Seine blauen Augen erinnerten mich an den Waldsee, den ich auf einem meiner Ausfl?ge mit meinem Vater ? Gott hab ihn selig ? gesehen hatte. Von saftig gr?nen Wiesen umgeben hatte er in der Sonne geglitzert. Das Azur des Himmels hatte sich darin gespiegelt. ?Schau?, hatte mein Vater gesagt, ?es ist, als ber?hre der Himmel die Erde?.

Bei dieser Erinnerung muss ich wohl gel?chelt haben, denn der kleine Junge schien ein wenig seine Scheu vor mir zu verlieren. Schelmisch grinsend hob er die Hand mit dem braunen Rechteck und streckte es mir entgegen.

Wortlos nahm ich den Umschlag in Empfang, verwirrt, ?berrascht, verunsichert. Doch der Kleine konnte ja nichts daf?r. Bevor die aufkeimende Angst mich vollends erfassen konnte, trat ich einen Schritt zur?ck, gab die T?r frei und forderte den Kleinen auf, doch herein zu kommen.

?Nein?, stammelte er, jetzt wieder ?ngstlich, ?das darf ich nicht. Ich muss gehen.?

Ich hatte geahnt, dass er meine Einladung nicht annehmen w?rde. ?Sogar die Kinder...?, dachte ich. ?Warte?, murmelte ich, ?ich will Dir Deinen Lohn geben.?

W?hrend der Kleine an der T?r wartete, ging ich zur?ck in die K?che. Am Morgen hatte ich Brot gebacken. Ich schnitt eine dicke Scheibe von dem noch immer warmen, duftenden Brotlaib, beschmierte sie mit frischer Butter und der Erdbeermarmelade, die ich gerade gestern gekocht hatte.
Als ich mit meiner Gabe in der Hand zur?ck kam, erhellte ein Leuchten das Gesicht des Kindes. Er musste hungrig sein. Wie einen kostbaren Edelstein nahm er das Brot in die Hand, betrachtete es liebevoll, nahm einen herzhaften Bissen, bedankte sich artig und lie? mich mit dem Brief und meiner Angst allein.

Der Brief schien in meinen H?nden lebendig zu werden. Die Buchstaben tanzten vor meinen Augen, als wollten sie mich verh?hnen. Als hielte ich gl?hende Kohlen in der Hand, lie? ich den Brief fallen. Da lag er nun auf den dunklen Holzdielen. Das Braun des Umschlags bildete kaum einen Kontrast zum Boden. Wenn die D?mmerung kam, w?rde er nicht mehr zu erkennen sein.

Meine Angst vor diesem St?ck Papier wuchs ins Unermessliche. Mein Herz jagte das Blut durch die Adern, meine H?nde zitterten, meine Beine wollten mich nicht mehr tragen. Ich sank in den Korbstuhl, der schon zu Lebzeiten meines Vaters in der N?he des Kamins gestanden hatte. Versonnen blickte ich in die z?ngelnden Flammen.

Die Existenz dieses Briefes erf?llte den Raum. Mir wurde abwechselnd hei? und kalt, der Schwei? rann meinen K?rper entlang und ich w?re nicht ?berrascht gewesen, h?tte sich eine Pf?tze auf dem Boden gebildet.
Ich nahm all meine Kraft zusammen, stand schwerf?llig auf und schleppte mich ins Schlafzimmer. Die Last meiner 52 Jahre dr?ckte mich pl?tzlich nieder.
Ich nahm meinen gro?en geh?kelten Umhang vom Bett, wo ich ihn heute morgen nachl?ssig hingeworfen hatte, als ich von meinem morgendlichen Spaziergang zur?ck gekommen war. Ich legte mir den Umhang um die Schultern, hastete zur Eingangst?r und verlie? eiligen Schrittes das Haus.

Als der frische Herbstwind mit meinem Haar spielte, der Duft des nahen Waldes mich umfing, der Eichelh?her mit seinem Ruf meine Anwesenheit verk?ndete, wurde ich ruhiger. Schon als Kind hatte ich mich in der Natur am wohlsten gef?hlt. Hier war ich mehr zu Hause als in dem H?uschen, in dem ich geboren wurde, wo ich aufwuchs und in dem ich alt geworden war. Alles war mir vertraut. Die Tiere, die Pflanzen, jedes noch so kleine Kr?utlein kannte ich mit Namen.

Hier drau?en f?hlte ich mich geborgen und nun, da ich den n?tigen Abstand hatte zu dem Brief, der unheilschwanger auf mich wartete, konnte ich mich meinen Gedanken hingeben.

Warum machte mir ein St?ck Papier so gro?e Angst? Warum hatte ich den Brief nicht einfach ge?ffnet? Hatte mich die Vergangenheit so sehr in die Isolation getrieben, dass ich hinter jedem Kontakt mit den ?Menschen da drau?en? Unheil bef?rchtete?
Auch wenn ich keine Fragen auf das ?Warum? fand, meine letzte Frage musste ich mit ?Ja? beantworten. Ja, ich hatte Angst vor den Menschen. Verlacht hatten sie mich, beschimpft, gequ?lt und ge?chtet.

Es half Nichts. Ich konnte den Brief nicht leugnen. Er lag auf dem Dielenboden, enthielt eine Nachricht, die seinem Absender immerhin so wichtig gewesen war, dass er ihn geschrieben und einem Boten anvertraut hatte.

Bevor ich den Heimweg einschlug, lenkte ich meine Schritte zu der kleinen Kapelle, die ein besonders gl?ubiger Mensch lange vor meiner Geburt hier erbaut hatte, um, so sagte es die Legende ?Gottes Anwesenheit in der Natur? zu huldigen. Das Kreuz, das ?ber dem schlichten Altar hing, hatte meine Tr?nen gesehen, meine Qualen erlebt und mir Trost gespendet. Wenn ich zum Gebet auf die Knie sank, sp?rte ich, wie mich neue Kraft durchstr?mte. Diese Kraft war es, die ich brauchen w?rde, um den Brief zu ?ffnen.

Gest?rkt und mit neuem Mut erf?llt, kehrte ich zur?ck, schob die schwere Eichent?r auf, hob, noch bevor ich meinen Umhang abgelegt hatte, den Umschlag vom Boden auf und legte ihn auf den Tisch in meiner K?che.
Ich musste stundenlang drau?en gewesen sein, denn es d?mmerte bereits. So konnte ich in der kurzen Zeit, in der ich den Brief in den H?nden gehalten hatte, nicht erkennen, ob die Buchstaben noch immer jenen unheimlichen Tanz auff?hrten, der mich so sehr ge?ngstigt hatte.

Ich entz?ndete eine Kerze und ihr Schein fiel auf den Umschlag. Ich konnte ihn greifen, ihn sehen, ja, sogar riechen konnte ich ihn. Ein zartherber Duft entstr?mte dem Papier. Ich schloss die Augen, versuchte, ruhig zu werden. Der Brief war eindeutig an mich gerichtet.
In sicherer, klarer Handschrift hatte jemand meinen Namen auf den Umschlag geschrieben. Die Buchstaben tanzten nicht mehr. Vor mir lag ein einfaches St?ck Papier, das mir keine Angst mehr einjagte. Vorsichtig nahm ich den Brief in die Hand, drehte und wendete ihn in der Hoffnung, einen Hinweis auf seinen Absender zu finden.

Als ich den Brief?ffner zur Hand nahm, um dem Geheimnis des Briefes auf den Grund zu gehen, klopfte es an der Eingangst?r. Laut diesmal. Einsch?chternd. Fordernd.

Ich wagte nicht, dieses Klopfen zu ignorieren, schlurfte zur T?r und ?ffnete. Was dann geschah, kommt mir noch immer vor, wie ein b?ser Traum.

M?nnerh?nde packten mich, rissen an meinen Haaren, schleppten mich zu einem Karren. Sie schlugen nach mir. Ich schrie. Sie traten nach mir. Ich flehte um Erbarmen. Ich wei? nicht mehr, wie viele es waren. Vielleicht drei, vielleicht vier, vielleicht sechs. Ich kann es nicht mehr sagen. Sie hoben mich hoch, stie?en mich in den vergitterten Karren und trieben die Pferde an. Als ich die Flammen sah, die aus dem Dach meines H?uschens schlugen, schrie ich noch einmal laut auf. Danach m?ssen Schmerz und Verzweiflung meinen Verstand mit einem gn?digen Nebel umgeben haben, denn an die Fahrt kann ich mich nicht erinnern.

Als der Nebel sich lichtete, meine Augen sich ?ffneten und meine schmerzenden Glieder mir mein erb?rmliches Dasein bewusst machten, als die Benommenheit der zur?ck kehrenden Angst wich, h?rte ich die Stimmen. ?Hexe brenn, Hexe brenn!? und ich wusste, die Hexe, die sie meinten, war ich.
Vorsichtig setzte ich mich auf und als ich an mir heruntersah machte ich eine unglaubliche Entdeckung. Noch immer hielt ich den Brief in der Hand. Der Brief, der mich ? vor wie vielen Stunden? ? in Todesangst versetzt hatte, hatte mich hierher begleitet. Als die H?scher mich holten, musste ich ihn instinktiv umklammert gehalten haben, als hinge mein Leben davon ab.

Vor dem Hexenturm, denn das war der Ort, an dem sie mich gefangen hielten, br?llte die w?tende Meute. Ich wusste, meine Zeit war gekommen. Sie w?rden mich holen. Bald. Und ich w?rde brennen ? so wie es die Menge forderte.

Durch das kleine Loch in der Mauer fiel Licht in meinen Kerker. Mit zitternden H?nden ?ffnete ich den braunen Umschlag. Ich wusste, ich hatte keine Zeit mehr. Ich musste schnell lesen:

Liebste Anna,

sicher erinnern Sie sich nicht mehr an mich. Sie jedoch sind immer in meinem Herzen geblieben. Das Leben meiner lieben Frau habe ich Ihnen zu verdanken und das Leben meines Sohnes, dem Sie vor nunmehr f?nfzehn Jahren auf die Welt geholfen haben. Durch Ihre Hilfe konnte meine Frau die schwere Geburt ?berleben und Ihrer Heilkundigkeit und Weisheit ist es zu verdanken, dass sich beide von den Strapazen erholten und sich heute bester Gesundheit erfreuen.

Die bangen Stunden, als Mutter und Kind zwischen Leben und Tod schwebten, als der finstere Gesell schon ums Haus schlich, um sie zu holen, Sie waren es, die diese Stunden mit Ihrer Zuversicht ertr?glich machten. Ich habe allen Grund zur Dankbarkeit und heute kann ich mich endlich erkenntlich zeigen.

Anna, Sie m?ssen fliehen! Die Schergen der Inquisition sind schon auf dem Weg. Nur noch wenige Stunden, bis sie an Ihre T?r klopfen und Sie verhaften werden. Glauben Sie mir, ich wei? es aus sicherer Quelle. Ihr Leben ist in h?chster Gefahr.

Sobald Sie den Brief gelesen haben, m?ssen Sie davon laufen. Noch bleibt genug Zeit zur Flucht....


Die Kerkert?r ?ffnet sich. Sie kommen mich holen. Sie rei?en mir den Brief aus den H?nden und w?hrend die Stimmen der w?tenden Meute lauter werden, f?hren sie mich ein letztes Mal ans Tageslicht. ?Hexe brenn! Hexe brenn!? M?nner br?llen es, Frauen br?llen es und sogar die Kinder. Sie wollen mich brennen sehen.

Als sie mich auf den Scheiterhaufen binden, lasse ich meine Blicke ?ber die Menge schweifen.
In der letzten Reihe wendet sich ein Mann ab, ich kann noch die Tr?nen sehen, die ?ber seine Wangen rinnen, bevor er sein schmerzverzerrtes Gesicht in den H?nden vergr?bt und gramgebeugt den Ort meines Todes verl?sst.

Nun kenne ich den Absender der Zeilen. Sein Name ist Johannes.
29.11.04 19:18
 


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