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Die Frau am Fenster

Die Frau am Fenster winkte mir zu. Einfach so. Vielleicht, weil sie heute besonders gl?cklich war. Vielleicht auch, weil sie sich freute, ein Gegen?ber zu haben. Ich war gerade erst in diese Wohnung eingezogen. Beim Gro?reinemachen hatte ich das Fenster ge?ffnet, das genau zum Fenster des Nachbarhauses wies. Da sah ich sie. Eine ?ltere Frau, vielleicht siebzig Jahre alt. Grauhaarig und gem?tlich vollschlank. Als sie mich am offenen Fenster sah, winkte sie mir zu. Ein warmes Willkommen in meinem neuen Leben.

Ich sah die Frau am Fenster jeden Tag. Bald erkannte ich, dass es die Arbeitsfl?che ihrer K?che war, was sich unmittelbar hinter dem Fenster befand. Ich sah sie beim Kuchen backen und ich schaute ihr zu, wenn sie Kartoffeln sch?lte. Ab und zu drehte sich die Frau um. Obwohl ich nie eine zweite Person sah, nahm ich an, dass sie in diesen Momenten mit ihrem Mann sprach.

Die fremde Frau geh?rte zu meinem Leben wie meine Freunde, mein Kater und meine Arbeit. Ohne es zu wissen, begleitete sie mich durch das Jahr. Einen Kalender brauchte ich nicht mehr, denn an ihren wechselnden Fensterdekorationen konnte ich die jeweilige Jahreszeit ablesen. Sie wurde zu meinem Fixpunkt und oft ertappte ich mich dabei, wie ich an meinem Schreibtisch sa? und gedankenverloren zu ihr hin?ber schaute. Wie mochte ihr Leben gewesen sein? Hatte sie Kinder gro? gezogen und kamen sie manchmal zu Besuch? Mit wem sprach sie, wenn sie sich in den Raum umwandte? Hatte sie einen Beruf gehabt? Welche Hobbies mochte sie haben? War sie einsam? War sie zufrieden? Oft stellte ich mir diese Fragen, auf die ich wohl nie eine Antwort bekommen w?rde.

Und ich begann, ?ber mich nachzudenken. ?ber mich und mein Leben. Was hatte ich erreicht, was hatte ich vers?umt? Was h?tte ich besser machen k?nnen? Was h?tte ich besser nie getan? Ich fand Antworten. Manche unbequem. Andere schmerzhaft. Aber immer, wenn Verzweiflung, Reue, Trauer mich zu ?berw?ltigen drohten, sah ich hin?ber zur Frau am Fenster. Und ich wurde ruhig.

Pl?tzlich wurde mein Leben turbulent. Ich hatte neue Freunde gefunden, mit denen ich oft ausging. Nur selten noch fand ich Zeit zum Schreiben. Tags?ber ging ich ins B?ro, Abende und Wochenenden verbrachte ich mit meinen neuen Freunden. Mein Leben bekam eine neue Qualit?t. Nein, das Wort ?Qualit?t? ist falsch gew?hlt. Ich wurde oberfl?chlich, ich wurde unsensibel. Kurz: ich wurde mir fremd.

?Katja, du musst heute Abend unbedingt mitkommen! Wir gehen zum Italiener und machen einen drauf!? Selbst am Telefon duldete Regina keinen Widerspruch. Eigentlich hatte ich mir vorgenommen, an diesem Abend zu Hause zu bleiben. Zum ersten Mal seit langem wollte ich es mir mit einem guten Buch und meinem Kater gem?tlich machen.
?Los, du m?de Socke, raff dich schon auf. Es ist doch Wochenende!?, bohrte Regina weiter, meine zaghafte Weigerung ignorierend.
?In einer Stunde hole ich dich ab! Basta!? Das Klicken in der Leitung signalisierte, dass Regina das Gespr?ch f?r beendet hielt und sofort setzten die Gedanken ein, die mein Leben in den letzten Monaten bestimmt hatten. ?Was ziehe ich an? Was mache ich blo? mit meinen Haaren? Nehme ich den gr?nen Lidschatten, oder doch lieber den blauen, der so gut zu meinen Augen passt? Verflixt, ich muss meine N?gel neu lackieren. Unbedingt!?

Eine Frau in meinem Alter kann sich keine Nachl?ssigkeiten erlauben. Sorgf?ltig w?hlte ich meine Garderobe, nahm eine belebende Dusche und legte anschlie?end das vermeintlich perfekteste Makeup auf, das mir je gelungen war. Ich schenkte meinem Spiegelbild ein zufriedenes L?cheln, zog meine hochhackigen Pumps an und wartete auf Regina.

Die ?berraschung war meiner Freundin gelungen. Im Restaurant warteten Sigrid und Paul. Die Beiden waren gerade von einer Kreuzfahrt zur?ck gekehrt und wollten sich nun, wie es ihre Art war, in der Schilderung ihrer exklusiven Erlebnisse sonnen. Anfangs gelang es mir noch, Interesse zu heucheln, aber nach einer Weile lie? ich meine Blicke und Gedanken ziellos durch das Lokal wandern.

Das Restaurant war voll besetzt. An den meisten Tischen sa?en junge und weniger junge P?rchen. Alle hatten eines gemeinsam: sie strahlten Harmonie aus. Pl?tzlich bemerkte ich, dass mich jemand ansah. Eine Frau. Deutlich ?lter als ich und allein. Sie sa? an einem Tisch ganz in der Ecke des Lokals und starrte unverwandt zu mir her?ber. Merkw?rdig! Dass ich gelegentlich den einen oder anderen durchaus interessierten Blick eines Mannes auf mich zog, war normal, aber dass mich eine Frau so musterte?

?Tr?umst du, oder was ist mit dir los??, riss mich Regina unsanft aus meinen Gedanken.
?Sieh dir doch mal dieses Blau an. Sag mal ehrlich, hast du je so ein Blau gesehen??. Sie hielt mir eines der unz?hligen Fotos unter die Nase, die eine winkende Sigrid auf einem wei?en Schiff zeigten. Der Kontrast zum Azurblau des Meeres war in der Tat bezaubernd, konnte mich jedoch l?ngst nicht in solches Entz?cken versetzen, wie das offenbar von mir erwartet wurde. Aber das schien nicht weiter ins Gewicht zu fallen, denn meine drei Freunde verfielen sofort wieder in Euphorie. Sigrid schnatterte an einem St?ck.

Ich beschloss, das zu tun, was Frauen immer tun, wenn ihnen nichts Besseres einf?llt: ich ging zur Toilette. Als ich die T?r ?ffnete, stie? ich fast mit der fremden Frau zusammen.
?Hoppla, junge Frau. Nicht so eilig!? kommentierte sie meinen Rempler und schenkte mir dabei ein verst?ndnisvolles L?cheln.
?Sie sehen nicht besonders gl?cklich aus. Die Urlaubserlebnisse ihrer Freunde scheinen sie nicht zu interessieren.?
Klar, Sigrid hatte mal wieder so laut gesprochen, dass alle G?ste im Lokal mittlerweile genau sagen konnten, wo die Reise hin ging, wie lange sie dauerte und was sie gekostet hat.
?Wenn sie m?gen, kommen sie doch nachher an meinen Tisch und leisten mir alter Frau ein wenig Gesellschaft.?

Zu meiner eigenen ?berraschung und der meiner Freunde, nahm ich das Angebot an.
?Entschuldigt mich, ich habe eine alte Bekannte getroffen.?, murmelte ich nur, w?hrend ich mit meinem Weinglas in der Rechten und meiner Handtasche in der Linken dem Tisch der Frau zustrebte.

?Sie kennen mich nicht, habe ich Recht??, er?ffnete die Frau das Gespr?ch.
?Nein, nat?rlich nicht.?, gab ich leicht verwirrt zur?ck.
?Nat?rlich ist das nicht wirklich. Wir sind Nachbarinnen!?
?Sind wir das??
?Ja, das sind wir. Manchmal schauen sie zu mir her?ber.?
Die Frau am Fenster. Nat?rlich! Meine Nachbarin, mit der sich meine Gedanken so lange und so ausgiebig besch?ftigt hatten. Da sa? sie am Tisch, mir gegen?ber. Und mit einem Mal war sie mir vertraut.

Ungefragt begann sie, zu erz?hlen. Von ihrer Kindheit. Dem Mann, den sie ? gerade 18 Jahre alt geworden - gegen den Willen der Eltern geheiratet hatte und mit dem sie so gl?cklich h?tte sein k?nnen.
?Wenn ich doch nur eins der Kinder h?tte austragen k?nnen. Alle drei hab ich verloren...?. Ein Schatten legte sich auf das Gesicht der alten Frau, als sie von ihren Fehlgeburten erz?hlte.
?Er hatte andere Frauen, aber ich habe ihm immer wieder verziehen. Er war ein wirklich guter Mann. Als er diesen Unfall hatte, w?re ich am liebsten selbst gestorben.?
Nach dem Tod ihres Mannes hatte sie die ?rmel aufgekrempelt, sich zur Altenpflegerin ausbilden lassen und fortan ihre Erf?llung im Beruf gefunden.
?Wissen sie, die alten Leute gaben mir so viel zur?ck. Ich wei?, es klingt albern, aber f?r mich waren sie wie die Kinder, die ich nie hatte.?
Bis zu ihrer Rente hatte sich meine Nachbarin um alte, einsame Menschen gek?mmert und selbst jetzt, da sie l?ngst pensioniert war, z?hlte sie sich selbst zu den ?Jungen?.
?Wenn ich einmal alt bin, w?nsche ich mir auch Menschen, die sich um mich k?mmern.? Bei diesen Worten war ein schwacher Glanz in ihre Augen getreten.
Ich hatte stumm zugeh?rt. Als die alte Dame zu reden aufgeh?rt hatte, griff ich spontan ihre H?nde und sah ihr fest in die Augen.
?Sie haben diesen Menschen soeben gefunden.?, sagte ich schlicht.

?Katja, komm doch endlich. Wir wollen noch weiter ins Happy Inn. Da ist heute Longdrink-Night. Mach schon!? Regina zerrte mich regelrecht vom Stuhl. Ich verabschiedete mich hastig von meiner neuen Freundin und folgte den Anderen. Den Rest des Abends brannte ich nur noch darauf, endlich allein zu sein.

Zur?ck in meiner Wohnung entledigte ich mich meiner Kriegsbemalung, zog bequeme Hosen an und kuschelte mich auf der Couch ein. W?hrend ich noch dar?ber gr?belte, warum mich diese ?berraschende Begegnung so aufgew?hlt hatte, fiel mir ein, dass ich zwar nun die gesamte Lebensgeschichte meiner Nachbarin kannte, sogar ein wenig von ihrem Seelenleben ? aber eines kannte ich nicht: ihren Namen. Wie hatte ich nur vergessen k?nnen, sie danach zu fragen? Ich w?rde ihr in den n?chsten Tagen einen Besuch abstatten. Die richtige T?rklingel zu finden konnte nicht so ein riesiges Problem sein. Genau das w?rde ich machen. Gleich am Sonntag!

Am n?chsten Morgen galt mein erster Gedanke der Frau am Fenster, aber heute musste sie wohl ausnahmsweise l?nger geschlafen haben. Sie war nirgendwo zu sehen.

Am Sonntag klingelte ich, mit einem Blumenstrau? in der Hand, an s?mtlichen T?ren im Nachbarhaus. Niemand da, wie es schien. Gerade als ich resigniert den Heimweg antreten wollte, wurde der T?r?ffner bet?tigt und ich konnte eintreten. Ein ?lterer Herr sah mich misstrauisch an. Meine Nachbarin hatte mir von ihm erz?hlt. Gelegentlich lud sie ihn zum Essen zu sich ein. Er war es auch, zu dem sie sich manchmal umgewandt hatte, wenn ich zu ihr hin?ber sah.
?Zu wem m?chten sie denn??, fragte er.
?Zu der Dame, die ?ber ihnen wohnt.? antwortete ich.
Einen Moment lang schwieg er, bevor er, mit Tr?nen in den Augen, wieder zu sprechen anhob:
?Sie meinen Frau Mertens? Dann wissen sie es noch gar nicht??
?Nein, was soll ich denn wissen??
?Frau Mertens ist am Freitagabend gestorben. Pl?tzlicher Herztod. Sie hatte sich einen sch?nen Abend beim Italiener gemacht und auf einmal fiel sie tot um.?

Keine Worte k?nnen ausdr?cken, was ich in diesem Moment f?hlte. Die Frau am Fenster ? nie mehr w?rde ich sie sehen, nie mehr w?rde sie mir zuwinken, nie mehr mit Fensterschmuck die Jahreszeit weisen. Ich trauerte, wie um eine gute Freundin.
Bedr?ckt ging ich nach Hause. Leere breitete sich in mir aus. Jene altbekannte Leere, die ich zuzudecken versucht hatte. Mit der Frau am Fenster war meine Hoffnung gestorben, je f?r einen Menschen wirklich wichtig werden zu k?nnen.

In meiner Wohnung angekommen, br?hte ich mir einen Kaffee, schaltete den Computer ein und ?ffnete das Schreibprogramm. Und ich begann zu tippen:

Die Frau am Fenster winkte mir zu. Einfach so. Vielleicht, weil sie heute besonders gl?cklich war. Vielleicht auch, weil sie sich freute, ein Gegen?ber zu haben.
29.11.04 18:57
 


bisher 2 Kommentar(e)     TrackBack-URL


alfredo70 (11.4.05 13:30)
Ich weiß nicht, ich weiß nicht, das könnte die Inhaltsangabe für einen Roman sein. Das ist noch keine Geschichte, eher ein aufgeschriebenes Erlebnis. Andere können selbstverständlich anderer Meinung sein.

Alfred {Emotic()} {Emotic()}


jutta (14.5.06 22:10)
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