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Leierkastenmann

Wenn im Herbst die Ernte beendet war und beißender Rauch von brennendem Kartoffelkraut das Atmen schwer machte, warteten wir auf den Leierkastenmann. Mit leichten Melodien brachte er Fröhlichkeit in unser Leben, gerade richtig, um uns die Schrunden an den Knien vergessen zu lassen, den schmerzenden Rücken und die rissigen Hände, die ungelenk den Griffel über die Schiefertafel führten.
Die Disziplin im Klassenzimmer unserer „Zwergenschule“ zwang Lehrer Mayer dann, uns zu ermahnen:
„Anneliese, wo bist du nur mit deinen Gedanken?“
„Käthe, aufhören mit der Tuschelei!“
„Else, halt die Füße still! Wir sind doch hier nicht in der Tanzstunde!“
Uns älteren Mädchen fiel es besonders schwer, uns auf den Lernstoff zu konzentrieren, wenn wir den Leierkastenmann in der Nähe wussten.
Nach dem Unterricht kontrollierten wir einander die Zöpfe, strichen unsere Schürzen mit den Händen glatt und zwickten uns in die Wangen, um ihnen einen rosigen Schimmer zu verleihen. Arm in Arm zogen wir durch die Straßen, die kleineren Kinder folgten uns. Nur die „großen Jungs“ fühlten sich viel zu erwachsen für dieses Spektakel.
Meist trafen wir den Leierkastenmann beim Brunnen auf dem Marktplatz. Die erste Begegnung war in jedem Jahr mit großem Hallo verbunden. Erkennen blitzte aus seinen blauen Augen und „Ihr seid ja schon wieder größer geworden“, rief er uns entgegen, wenn wir näher kamen. Mit einem Zwinkern in Richtung meiner Freundinnen fügte er „und hübscher“ hinzu. Dann drehte er die Kurbel und wir tanzten zu seinen Walzermelodien bis unsere Füße in den klobigen Schuhen schmerzten.
Keine von uns wusste, wo der Leierkastenmann vorher gewesen war oder wohin er als nächstes gehen würde und niemand traute sich je nach seinem Namen zu fragen, gerade so, als fürchteten wir, einen Mythos zu zerstören, den Schleier zu lüften, der unserer Jugend einen ganz besonderen Zauber verlieh.
Als der Krieg ausbrach, bereitete er damit auch unserer Unbeschwertheit ein jähes Ende. Ich war sechzehn, als meine beste Freundin Ruth und ihre gesamte Familie deportiert wurde. Noch heute brennen Tränen in meinen Augen, wenn ich an das Entsetzen in ihrem Blick denke, die Angst vor dem Ungewissen. Ich sah sie nie wieder, ebensowenig wie die meisten meiner Mitschüler, die wir mit Hurra-Rufen an die Front verabschiedeten.
Hier auf dem Land waren wir sicher vor Bombenangriffen, mussten keinen Hunger leiden. Dennoch konnten auch wir nicht die Augen verschließen. Die Liste der Gefallenen, die der Bürgermeister regelmäßig an die alte Kastanie auf dem Marktplatz anschlagen ließ, wurde täglich länger, die Zahl trauernder Mütter, Töchter und Schwestern stieg. Farben schienen aus unser aller Leben verbannt. Schwarz beherrschte das Bild in den Straßen und auf den Feldern. Nur die wilden Blumen am Wegrand erinnerten mit frivoler Farbenpracht an das Leben.
„Else, mein Armes, komm her, ich reib dir den Rücken mit Franzbranntwein ein“, sagte meine Mutter, wenn wir abends von der Feldarbeit zurückkehrten in das Haus, aus dem alle Freude gewichen war. Mein Bruder Hans war schon beim ersten Fronteinsatz gefallen und seit Monaten warteten wir auf Nachricht von meinem Vater.
„Weißt du noch …?“, fragte Mutter, während ihre Hände meinen Rücken massierten. Jedes Gespräch begann fast automatisch mit dieser Frage, gemeinsame Erinnerungen gaben uns die Kraft, den Mut nicht zu verlieren.
Auf der kleinen Anrichte in der Wohnküche hatte Mutter einen Altar aufgebaut. Sobald wir nach Hause kamen, entzündete sie die Kerze, die zwischen den Fotografien unserer Lieben stand. Darüber hing ein großes Holzkreuz an der Wand. Jeden Abend vor dem Zubettgehen beteten wir gemeinsam für Vaters gesunde Rückkehr und Hans’ Platz im Himmel.
Erst als der Krieg vorbei und mein Vater nach kurzer Gefangenschaft nach Hause gekommen war, kehrte nach und nach auch meine Lebensfreude zurück. Ich fühlte mich nicht mehr schuldig, wenn ich bei der Feldarbeit ein fröhliches Liedchen trällerte oder sich meine Füße im Takt zur Musik aus dem Weltempfänger bewegten. Mit meinen Freundinnen fuhr ich einmal pro Woche zum Tanzen in die Nachbarstadt. Nun, da unsere Jugend unwiderruflich vergeudet war, hofften wir, unser Glück in Form gesunder, junger Männer zu finden, die uns zum Traualtar führen würden.
„Weißt du noch“, fragte Käthe eines Abends, „wie wir um den Brunnen getanzt sind? Und wie die Augen des Leierkastenmanns leuchteten?“
Der Leierkastenmann! Niemand hatte ihn vermisst während der finsteren Zeiten. Auch ich hatte keinen Gedanken an ihn verschenkt, doch jetzt blitzte die Erinnerung schmerzhaft durch mein Bewusstsein.
„Was wohl aus ihm geworden ist?“, fragte ich.
„Ach, der ist sicher sesshaft geworden. Hat Frau und Kinder irgendwo“, mutmaßte Luise.
„Vielleicht ist er eingezogen worden, sitzt noch in Gefangenschaft“, warf Käthe ein.
„Vielleicht ist er aber auch gefallen“, murmelte ich.

* * *

Beißender Rauch von brennendem Kartoffelkraut zog über das Dorf. Jeden Tag erwartete ich die Geburt meines ersten Kindes, da hörte ich Kinderrufe: „Der Leierkastenmann ist da!“
Ohne nachzudenken nahm ich die Schürze ab, strich mein Haar mit den Händen glatt, zwickte mir in die Wangen und rief Mutter zu: „Ich bin bald zurück!“
So schnell die Füße meinen unförmigen Körper trugen, eilte ich zum Marktplatz.
„Groß bist du geworden“, begrüßte mich der Leierkastenmann. „Und bildhübsch“, fügte er zwinkernd hinzu. Luise, Käthe und Marlene, meine Freundinnen, warteten schon.
„Nur die Wehen hätten dich zurückgehalten, nicht wahr?“, schmunzelte Käthe, legte den Arm um meine Taille und zog mich zum Brunnen. „Mal schauen, ob du noch Walzer tanzen kannst!“
Einige der Drehorgelpfeifen versagten den Dienst, produzierten nur noch ein „Pfff“ anstelle eines Tons. „Du, du liegst mir im Herzen, du, du liegst mir im Pfff, du, du machst mir viel Schmerzen, weißt nicht wie gut ich dir Pfff.“ Glockenhelles Lachen kommentierte die eigenwillige Melodie.
Alle Schwere fiel von mir ab, ich schwebte über das Pflaster des Marktplatzes und aus dem Augenwinkel sah ich hinüber zum Leierkastenmann. Mager war er geworden, sein Gesicht voller Runzeln und seine Augen stumpf. Als er die Kurbel nach oben schwang, entdeckte ich eine Nummer, schwarz auf seinen Unterarm tätowiert …
27.8.06 23:03
 


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