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Sommer einer Kindheit

Das Lärmen der Kinder ist verstummt, die Stadt schlafen gegangen. Wolken ziehen auf, verwehren mir den Blick zu den Sternen. Heute Nacht soll es regnen, zum ersten Mal seit sechs Wochen. Seltsam, ich habe schon vergessen, wie es klingt, wenn Regentropfen auf Dächern tanzen. Aber ich erinnere mich an den Duft eines Gewitterregens nach einem heißen Tag. Wie der in den Sommern meiner Kindheit ... damals, als ich noch ein Junge war.

„Komm mit, Ludwig“, rief Waldemar mir zu. „Wir gehen an den Weiher. Du wirst sehen, das wird die pure Gaudi!“

Der Weiher war die einzige Attraktion, die unser Dorf im Sommer zu bieten hatte. Oft nahmen wir unsere Badesachen gleich mit zur Schule, damit wir nach Unterrichtsschluss nicht nach Hause mussten, wo wir Gefahr liefen, mit lästigen Arbeiten behelligt zu werden. Wenn wir abends noch tropfnass, aber herrlich erfrischt zu Hause ankamen, erwartete uns zwar immer ein väterliches oder mütterliches Donnerwetter, aber das taten wir mit einem Achselzucken ab.
„Wir sind nur einmal jung“, lautete die Devise und danach lebten wir. Mochten die Eltern noch so schimpfen und toben, wenn ich mit schelmischem Grinsen das Motto zitierte, lächelten sie: „Ja, du hast Recht. Du bist nur einmal jung. Mach das Beste draus!“

„Nein, heute nicht“, antwortete ich meinem Freund, „Ich muss noch was für die Schule tun.“
„Streber!“, gab Waldemar beleidigt zurück und ließ mich einfach stehen.
Ich atmete erleichtert auf. Er hatte meine Lüge nicht bemerkt.
Ich warf einen Blick auf meine Armbanduhr. Mir blieb noch genau eine halbe Stunde bis zu meiner Verabredung. Ich musste mich beeilen. So schnell ich konnte rannte ich nach Hause, tappte auf Zehenspitzen an der Küche vorbei die Treppe hoch zu meinem Zimmer und öffnete leise den Kleiderschrank. Hastig tauschte ich die Krachlederne gegen meine nagelneuen Jeans, das abgewetzte blaue Hemd gegen eines dieser T-Shirts, die gerade in Mode gekommen waren. Ein prüfender Blick in den Spiegel: Auch heute ließ mein erstes Barthaar vergeblich auf sich warten. Dafür lag meine Frisur tadellos, nachdem ich sie mit Pommade in Form gebracht hatte. Ich lächelte mir zu.
In der Küche hantierte Mutter lautstark mit ihren Kochtöpfen. Die beste Gelegenheit, das Haus unentdeckt wieder zu verlassen.

Anitas blonde Mähne leuchtete mir schon von Weitem entgegen.
Seit sie ein paar Wochen zuvor als neue Schülerin in unsere Klasse gekommen war, hatte ich davon geträumt, mich einmal mit ihr zu verabreden. Sie war rot geworden, als ich sie stotternd fragte, ob ich ihr die Mammutbäume in unserem Wald zeigen dürfe.
„Ja, gern“, hatte sie geantwortet.
„Hast du lange gewartet?“, fragte ich atemlos, als ich am verabredeteten Treffpunkt eintraf.
„Och, ne halbe Stunde oder so?“ Wenn sie lächelte, hatte sie ein niedliches Grübchen am Kinn.
„Aber … ich bin doch pünktlich?“, fragte ich verlegen.
Aus ihrem Lächeln wurde ein helles Lachen.
„Ja doch, ich hab nur Spaß gemacht.“
„Also dann: auf zu den Mammutbäumen“, gab ich den Marschbefehl und nebeneinander setzten wir uns in Bewegung.
Anita begann zu erzählen. Von der Stadt, in der sie gelebt hatte, von der Trennung ihrer Eltern und wie sehr sie sich einen Hund wünschte. Von dem „Fluch“, wie sie es nannte, ohne Geschwister aufzuwachsen, ihrer alten Schule und dem Stiefvater, den sie fürchtete. Ich war froh, nichts sagen zu müssen, denn vor Aufregung hätte ich wohl nur hilfloses Gestammel über die Lippen gebracht. Neben mir lief das Mädchen meiner heimlichen Träume und erzählte mir von ihrem Leben. Alles, was sie sagte, unterstrich sie mit lebhaften Gesten und ich hätte ein Vermögen dafür gegeben, ihr Gesicht beobachten zu können.
Nach zwanzig Minuten strammen Fußmarschs erreichten wir die Lichtung.
Fünf gewaltige Mammutbäume standen hier im Kreis angeordnet, jeder Stamm mehr als zwei Meter im Durchmesser.
Anita sah staunend daran empor.
„Die Kronen reichen ja bis in den Himmel“, flüsterte sie.
Ich empfand etwas wie Rührung. Sie wirkte so zerbrechlich, wie sie vor den Bäumen stand, so winzig. Unendliche Zärtlichkeit erfüllte mich und machte mich mutig. Ich ergriff ihre Hand. Sie zog sie nicht weg. Schweigend standen wir für eine Weile vor den Giganten, dann riss Anita sich plötzlich los: „Fang mich, wenn du kannst!“
Wie die Kinder tobten wir zwischen den Stämmen, bis uns der Atem ausging.
„Danke, dass du mich hierhergebracht hast.“ Anita lächelte mich an.
Ich sah ihre leuchtenden Augen, ihre wunderbar geschwungenen Lippen, zwischen denen weiße Zähne hervorblitzten und das Grübchen an ihrem Kinn. Ich konnte nicht anders: Ich musste sie küssen. Mit unsicheren Schritten ging ich auf sie zu, versuchte eine Umarmung und bot ihr meine Lippen zum Kuss.
Doch was dann geschah, damit hatte ich nicht gerechnet.
„Sag mal, spinnst du?“, brüllte sie mich an. „Lass deine Pfoten von mir! Du bist ja auch bloß so ein widerliches Dreckschwein!“ Ohne Zögern winkelte sie ihr Knie an und stieß es mit voller Wucht zwischen meine Beine. Stechender Schmerz schoss durch meinen Unterleib und erfasste für einen Moment meinen ganzen Körper. Ich fiel zu Boden, rang nach Atem.
Sie beobachtete mich schweigend.
Wuttränen liefen mir übers Gesicht, als ich mich endlich wieder aufrappelte. Aber, ich schwöre, was danach kam, wäre nicht passiert, hätte sie mir mit ihren Beschuldigungen nicht immer und immer wieder zugesetzt.

Vier Wochen später entdeckte ein Wanderer ihre Leiche an einen Mammutbaum gelehnt, den Blick aus leeren Augenhöhlen zum Himmel gerichtet.
Die Medien hatten bald einen Schuldigen gefunden.
„Mann tötet Stieftochter“ lautete eine Schlagzeile, „Blutiges Ende eines Kindesmissbrauchs“ eine andere. Vor Gericht wurde der Mann aus Mangel an Beweisen freigesprochen.

Ich habe nie mit einer Menschenseele darüber gesprochen. Meinen Eltern erklärte ich, ich hätte Ärger mit Waldemar und überhaupt ein ziemliches Tief, Waldemar sagte ich, ich hätte Ärger mit den Eltern. Dann ließen sie mich in Ruhe. Anita war noch neu in der Klasse gewesen und hatte keine Freunde. Von unserem Treffen wusste niemand. Niemals fiel auch nur der geringste Verdacht auf mich.
Als ich volljährig wurde, verließ ich das Dorf meiner Eltern und kehrte nie mehr dahin zurück.
Jetzt hat mich die Vergangenheit eingeholt …

„Du verdammter Heuchler … kommst daher und machst mir weis, du hättest alles gesehen? Willst mir nachgeschlichen sein … hast mir die Lüge mit der Schularbeit nicht abgekauft … nennst mich Mörder!

Wie hast du mich gefunden? … Sprich lauter, du verdammter Bastard! … Der Zeitungsbericht … das Foto von der Beisetzung meiner Frau … Hatte eben Pech, die Schlampe, wie die anderen auch … Bestie nennst du mich? … Waldemar, Waldemar … dass unsere Freundschaft so enden muss. Warum hast du denn nie was gesagt? Ich meine, als ich noch da war? Du hattest was? Sprich deutlicher, ich kann dich dich nicht verstehen! Warte, ich nehme dir den Knebel ab.“
„Angst!“
„Zurecht, mein Junge, zurecht. Und nun schrei, solange du noch Atem hast …“
5.6.07 08:15
 


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