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Ein Stimmungsbild

Mittwochmorgen in dem kleinen kroatischen Fischerdorf. Regen prasselt auf das Weinlaubdach. Meine Lunge pfeift bronchitisch ein Lied, dessen Melodie noch niemand geschrieben hat.
Grau und willenlos empf?ngt das Meer die Tropfen, nimmt sie auf, macht sie sich zueigen. Auf der prickelnden Wasserfl?che d?mpelt erwartungsvoll eine hungrige M?we. Die Katzen, die sonst immer ums Haus schleichen, haben sich in eines der verfallenden Steinh?user zur?ck gezogen.
Der geplante Ausflug mit dem alten Fischerboot muss heute ausfallen. F?r den Nachmittag ist ?Bora? gemeldet, sagt Miro, der Pensionswirt und Fischerbootkapit?n und gibt mir zu verstehen, dass der Seegang bei Sturm zu heftig sein wird f?r eine Landratte wie mich. ?Njema problema?, meint Miro, ?gehen wir morgen. Soll sch?n werden, haben gemeldet.? Heimlich nenne ich ihn ?Alexis Sorbas?.


Ein Tag ohne Ausflug hei?t einen weiteren Tag entspannen auf der Insel. Mir f?llt eine Bierwerbung ein: ?Kein Stress, keine Hektik, keine Verpflichtungen.? Passt. Hier ist das Leben irgendwie stehen geblieben. Kein Auto auf der Insel, mit Ausnahme eines ausrangierten L?schfahrzeugs der Freiwilligen Feuerwehr Sowieso aus einem der neuen deutschen Bundesl?nder. Dort ist man vermutlich stolz darauf, ein ?gutes Werk? getan zu haben, die Leute auf der Insel sehen das n?chterner: ?Die laden ihren Schrott bei uns ab und wir sollen noch dankbar sein.? Die Pfade zwischen den H?usern sind f?r Autos gar nicht befahrbar. So steht das Feuerwehrauto wie ein Mahnmal neben der Uferstra?e und rostet nutzlos vor sich hin. Die Inselgemeinde hatte sich nichts als zwei Pumpen und lange Schl?uche gew?nscht.

Dreimal t?glich l?uft die F?hre vom Festland den kleinen Hafen an, bringt Lebensmittel und Baumaterial und spuckt eine Handvoll Leute aus. Einheimische meist. Touristen sind hier eher die Minderheit.
Zwei Holzb?nke gleich neben Post und Tante-Emma-Laden bilden das soziale Zentrum der Insel. Hier treffen sich die Dorfbewohner Tag f?r Tag, schauen aufs Meer und schwatzen, wie sie es immer getan haben. Die jungen Leute sind l?ngst weg. Aufs Festland. Die Insel ist fest in der Hand der Alten.
Gern w?sste ich, was sie sich jeden Tag zu erz?hlen haben. Wenn ich an ihnen vorbeigehe, um mir im Laden Zigaretten zu besorgen, h?re ich sie lebhaft miteinander reden. Irgendwie beneide ich sie. Sprachlosigkeit scheint ihnen fremd.

Noch immer pladdert der Regen und h?lt mich in meinem kleinen Zimmer gefangen.
Wasser ist rar auf der Insel. Regenrinnen leiten den kostbaren Strom direkt in Tanks, wo er darauf wartet, als Brauchwasser wieder in die Freiheit entlassen zu werden. Ein f?nfmin?tiger Duschgang pro Tag, mehr ist dem Trinkwasserbudget der kleinen Pension nicht zuzumuten.

Mein Handy brummt. T?chterlein gro? erkundigt sich, wann ich nach Hause komme. Klar, zur Monatsmitte wird ihr Geld knapp ...

Ich schaue aus dem Fenster. Kein Wind r?hrt sich. Die vert?uten Boote liegen starr. Wie Pfeilspitzen bohren sich Regentropfen in die Wasseroberfl?che. Ein Spiegel mit unz?hligen winzigen Einschussl?chern. So wie die in den Mauern der H?user auf dem Festland. Viele von ihnen tragen noch immer die Zeichen des Krieges, zeugen von einer Vergangenheit, die sich meine Generation kaum vorstellen kann. Miro erkl?rt mir den Krieg, den ich damals nicht verstanden habe. Ich verstehe ihn auch jetzt nicht, f?hle nur fassungslose Ohnmacht und Angst vor der Bestie Hass, die aus friedvollen Nachbarn Todfeinde machen kann. Balkankrieg. Erst heute ahne ich, was dieses Wort bedeutet hat. Erst heute kommt er mir so nah, dass ich weinen m?chte um jedes seiner Opfer. Diejenigen, die gestorben sind, aber auch um diejenigen, die ?berlebt haben. Um den jungen Mann zum Beispiel, der als Soldat tagelang neben der Leiche seines Kameraden eingeschlossen war. Alkohol und Drogen ersetzen ihm heute, was andere ?Leben? nennen.

Es hat aufgeh?rt zu regnen. Boras erste Boten strecken ihre kalten Finger aus, spielen in den Bl?ttern der Olivenb?ume und schicken kr?uselnd einen Gru? ?ber die Wasseroberfl?che, w?hrend die Sonne einen Kampf gegen graue Wolken austr?gt.

Mittwochmorgen auf einer kleinen kroatischen Insel. In drei Tagen fahre ich nach Hause.
16.5.05 11:03
 


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