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Jeder Tropfen zählt

Meister Nord war Schneider. Er nähte Blusen und Hemden, Hosen und Röcke, Fräcke, Kleider und Westen. Jahraus jahrein saß er mit gekreuzten Beinen auf dem groben Holztisch gleich neben dem Fenster und ließ seine Nadel tanzen.
Die Leute brachten ihm ihre schönsten Stoffe. „Meister Nord, näht mir einen Rock daraus“, baten sie, oder „Am Wochenende ist Tanz in der Dorfschänke. Schneidert mir ein Kleid, das so schön ist, dass alle Burschen nur mit mir tanzen wollen!“
Sorgfältig nahm Meister Nord dann Maß, notierte die Ergebnisse auf einen Fetzen Papier und machte sich daran, mit seiner großen spitzen Schere den Stoff zurechtzuschneiden. Was er nicht brauchte, ließ er einfach auf den Boden fallen.
Meister Nord hatte keine Frau. So musste er ganz allein für sich sorgen. Von allen Hausarbeiten, die es zu erledigen galt, hasste er das Aufräumen am allermeisten. Als er es müde geworden war, Tag für Tag Stoffreste vom Boden aufzulesen, beschloss er, sie einfach dort liegen zu lassen. Mit der Zeit bildeten sich rund um seinen Tisch beachtliche Häufchen aus groben und feinen, bunten, einfarbigen und gemusterten Stoffen. Darauf saßen kleine und große Zuhörer, denn Meister Nord war nicht nur Schneider, er war auch Geschichtenerzähler.
Zuerst hatte er sich Geschichten ausgedacht, um sich beim Nähen die Zeit zu vertreiben. Dann fing er an, sich diese Geschichten laut zu erzählen, um die Stille im Haus zu vertreiben. Das hörte Fienchen Hansen, sie erzählte es ihrer Freundin, die brachte gleich ihren kleinen Bruder mit und ihre Mutter obendrein. Bald wurde die Schneiderstube zum Treffpunkt für Alt und Jung.
Meister Nord freute sich, denn in seinem Haus war es nun gar nicht mehr still. Seine Geschichten wurden immer blumiger und spannender, die Besucher beflügelten des Meisters Fantasie. Erst wenn das Licht der Kerzen am Abend nicht mehr ausreichte, beendete der Schneider seine Arbeit und begab sich zur Ruhe.
Eines Nachts hatte er einen Traum: Er saß wie immer auf dem Tisch in seiner Schneiderstube, da ging plötzlich die Tür auf und viele Menschen traten ein, die er noch nie gesehen hatte.
Als der Schneider erwachte, dachte er: „Wie schön wäre es, wenn ich meine Geschichten der ganzen Welt erzählen könnte. Aber niemand kennt unser Dorf. Wer sollte hierher finden? Ich muss mir etwas einfallen lassen ...“
Einen Tag und eine Nacht grübelte der Meister. Stumm stach er die Nadel durch seine Näharbeit. Keine Geschichte kam über seine Lippen. Die erwartungsvollen Zuhörer gingen enttäuscht nach Hause. Aber am nächsten Morgen rief Meister Nord: „Ich hab’s“, sprang aus seinem Bett und in seine Kleider, stürmte aus dem Haus, die Dorfstraße entlang. Vor dem Haus von Müller Freese blieb er stehen.
„Freese, alter Schurke, ich brauche deinen Esel.“
„Dann muss ich weiter“, rief der Schneider und rannte zum Haus von Bäcker Oldeburg. „Gottfried, ich brauche deinen Karren“, sagte der Meister und rang um Luft, als er bei der Backstube ankam.
„Nord, beruhige dich erstmal. Du bist ja ganz außer Atem“, sagte der dicke Bäckermeister und als Meister Nord wieder bei Kräften war, fragte Oldeburg weiter: „Nun erzähl doch mal. Wozu brauchst du meinen Karren?“
„Vorletzte Nacht, da hatte ich einen Traum und heute Morgen eine Idee. Deshalb muss ich fort und brauche deinen Karren!“
„Du scheinst ein bisschen verwirrt, dennoch will ich dir meinen alten Karren überlassen, den neuen brauche ich selbst.“
Schneider Nord klatschte in die Hände.
„Gottfried, du bist ein wahrer Freund“, jubelte er noch, während er den hölzernen Wagen zu Freeses Haus zog, wo der Esel schon angebunden stand.
„Ich bringe dein Eselchen so bald ich kann zurück“, versprach der Meister, spannte das Grautier vor den Karren, setzte sich auf den Wagen und schnalzte mit der Zunge. Meister Freese blickte dem seltsamen Paar verdutzt hinterher.

Zum nächsten Dorf brauchten sie nur einen halben Tag.
Zielstrebig steuerte Meister Nord das Haus des Ortsvorstehers an. Das kannte er schon von seinen früheren Besuchen in der Nachbarschaft.
Den fragte er: „Kennt Ihr jemanden in Eurem Dorf, der etwas Besonderes kann?“
Jakob Petersen legte die Stirn in Falten und dachte nach.
„Hm, sagte er nach einer Weile. Da fällt mir nur der olle Friedrichsen ein. Der kann mit den Ohren wackeln, dass man den Windzug spürt.“
„Denkt nach, fällt Euch vielleicht noch jemand anderes ein?“
Der Ortsvorsteher kratzte sich am Kinn.
„Metzger Maier vielleicht. Wenn der die Schweine schlachtet, singt er dabei die schönsten Lieder. Die Leute stehen Schlange vor seinem Schlachthaus, nur um ihn einmal singen zu hören.“
„Das ist der Richtige“, sagte Meister Nord und eilte davon. Er hörte nicht mehr, als Petersen ihm hinterherrief, was er denn vom Metzger eigentlich wolle.
Als er des Metzgers Haus verließ, grinste er vor Freude bis über beide Ohren. Er stieg auf seinen Eselskarren und fuhr weiter.

Das Dorf Jemgung besaß sogar einen Bürgermeister und der wusste sofort, wen er dem fremden Schneider empfehlen konnte.
„Du meinst bestimmt die Jutta. Die ist ein bisschen verrückt, aber tut niemandem was zuleide. Köchin ist sie im Gasthaus und wenn sie in ihren Töpfen rührt, schwingt sie das Tanzbein so hoch, dass die Burschen sich an den Fenstern zur Küche die Nasen plattdrücken.“
Auch Jutta machte Meister Nord seine Aufwartung. Als er das Gasthaus verließ, schwánkte er ein wenig, aber war mit sich und der Welt zufrieden.
Auf dem Karren machte er ein Nickerchen, während der Esel brav Richtung Heimat zuckelte.

Nach seiner Rückkehr erzählte Meister Nord niemandem, wo er gewesen war oder was er gemacht hatte. Stattdessen brach er in ungewohnte Geschäftigkeit aus, räumte die Stoffschnipsel der letzten drei Jahre beiseite, wienerte die Küche und putzte sogar die Fenster. In drei Tagen würde er wichtigen Besuch empfangen.

Köchin und Metzger trafen zur gleichen Zeit bei der Schneiderstube ein und fanden herzliche Aufnahme. Zwei Tage lang schmiedeten die Drei Pläne, manchmal konnten Passanten sie herzlich lachen hören. Die Leute im Dorf schüttelten den Kopf.
„Was brütet der Schneider nur aus?“, fragten sie ein ums andre Mal.
Nach zwei Tagen intensiver Beratung verließen die Gäste das Dorf und die Leute schüttelten wieder den Kopf, als Köchin und Metzger Arm in Arm lachend davonspazierten.
„Ihr wisst, was zu tun ist“, rief Meister Nord ihnen hinterher und seine Augen leuchteten.
„Du hörst von uns“, rief die Köchin über die Schulter zurück.

Meister Nord war’s zufrieden. Sein Plan würde aufgehen, wenn es seinen neugewonnenen Freunden gelang, die Ortsvorsteher und Bürgermeister von ihrem Vorhaben zu überzeugen.

Er hatte sich überlegt: „Wenn ich für die ganze Welt Geschichten erzählen möchte, dann träumen Köchin und Metzger vielleicht auch davon, ihre Kunst einem großen Publikum zu präsentieren. Wir müssen einen Weg finden, Fremde in unsere Gegend zu ziehen.“

Irgendwann im Verlaufe ihrer Diskussionen hatte der schneidernde Geschichtenerzähler den rettenden Einfall gehabt.
„Wir erfinden ein Meer“, rief er aus und tanzte vor Aufregung von einem Bein aufs andere.
Seine Mitdenker waren skeptisch.
„Wie kann man ein Meer erfinden? Wo nehmen wir denn das ganze Wasser her?“
Nun kam Meister Nords große Stunde und er fing zu erzählen an.
„Wenn wir alle zusammenhalten, dann ist das ein Kinderspiel. Wir erklären einfach unsere Dörfer zu Küstenorten, bauen Deiche gegen die Flut und führen aus fernen Ländern ein paar Seemöwen ein.“
„Aber das Wasser fehlt“, unterbrachen die beiden anderen, „was ist mit dem Wasser?“
„Daran habe ich natürlich auch gedacht. Jedes Dorf bekommt einen riesigen unterirdischen Tank aus gebranntem Lehm. Den füllen wir nach und nach mit Wasser. Dabei müssen natürlich alle mithelfen! Erst wenn alle Tanks gefüllt sind und alles startbereit ist, beginnen wir damit, die Nachricht zu verbreiten. Auf ein verabredetes Zeichen hin müssen dann alle Dörfer Frauen, Männer und Kinder freistellen. Die müssen die Pumpen bedienen. Alle zwölf Stunden müssen die Tanks völlig leer sein.“
„Und wo fließt das Wasser hin?“
„Die riesige Ebene die sich vor unseren Dörfern erstreckt, ist ein ideales Wasserbecken. Ganz wichtig aber: Pünktlich alle zwölf Stunden müssen die Dörfer das Wasser wieder abpumpen. Das macht die Sache interessanter. Wir erklären das Auftauchen und Verschwinden des Wassers mit Ebbe und Flut, hängen an den Dorfeichen Tidekalender aus und dann müssen wir nur noch warten, bis die ersten Neugierigen an unsere „Küste“ reisen.“
„Ich habe noch eine bessere Idee: Wenn wir die Zeiten, wenn das Wasser kommt und geht, jeden Tag ein bisschen verändern, dann können die Fremden Wetten abschließen, ob das Meer bei ihrem Eintreffen gerade da oder gerade weg ist!“, warf Jutta, die Köchin, ein. Ihr Vorschlag wurde einstimmig angenommen.

Nur wenige Wochen später erhielt Meister Nord nacheinander Nachricht von Metzger und Köchin. Das Projekt „Meerlüge“ konnte beginnen.

Überall entlang der neu gegründeten Küste brach Geschäftigkeit aus. Die größten Lehmbrennereien des Landes erhielten Aufträge mit höchster Geheimhaltungsstufe, auf den Straßen herrschte Hochbetrieb. Pferdefuhrwerke brachten gewaltige Pumpen in die Dörfer.
Die stärksten Männer der Küstenregion zogen in Kolonnen von Ort zu Ort, hoben riesige Gruben für die Wasserspeicher aus oder verdingten sich als Deichbauer. Spezialtrupps brachten mit Ochsenkarren Sand in die Ebene, schichteten ihn an verschiedenen Stellen zu riesigen Haufen auf und gaben sie für Inseln aus.
Pferdekuriere wurden ausgeschickt, im Süden allerlei Seevögel zu fangen.

Als Wasserspeicher und Pumpen installiert und die Deiche gebaut waren, Seemöwen über der Ebene kreisten und die Tidekalender in Schönschrift geschrieben und an die teilnehmenden Küstenorte verteilt waren, befand Meister Nord, dass nun alles bereit sei.
Männer, Frauen und Kinder bildeten Menschenketten vom Brunnen zum Wassertank. Auf diese Weise brachten sie Wasser ins Reservoir. Vorausschauende Bürger trugen mit gesammeltem Regenwasser zum Gelingen des Projekts bei.
Nach einer Woche war es geschafft. Am nächsten Tag konnte die erste Flutung der Ebene beginnen.

„Unser Meer braucht einen Namen“, sagte der Bürgermeister von Jemgung anlässlich der Feierstunde.
„Ich weiß, ich weiß!“, rief Jutta aus und drehte dabei eine wundervolle Pirouette. „Wir nennen es nach seinem Erfinder!“
„Nordmeer? Nein, das Wort hat keinen Klang, wie ich finde. Wie wär’s mit Nordsee?“

Sobald die Nachricht von der plötzlich entstandenen Nordsee im ganzen Land die Runde gemacht hatte, kamen Neugierige angereist. Gasthäuser mussten um Übernachtungsmöglichkeiten ausgebaut werden, Metzgereien. Bäckereien und all ihre Zulieferer erlebten einen Geschäftsaufschwung ungeahnten Ausmaßes, Meister Nord baute seine Schneiderstube an und stellte fünf Reihen Stühle für die Zuhörer auf. Der Metzger sang in neu errichteten Fischhallen und die Köchin tanzte dazu. Das Projekt „Meerlüge“ war zum größten Erfolg aller Zeiten geworden.

In den folgenden Jahren und Jahrhunderten geriet das Geheimnis immer mehr in Vergessenheit. Nur in der Nachkommenschaft des Schneidermeisters Nord wurde die Entstehungsgeschichte hinter vorgehaltener Hand von Generation zu Generation weitergereicht.
Die menschlichen Pumparbeiter wurden von hochmodernen, computergesteuerten Maschinen abgelöst, die nicht nur effektiv sondern verschwiegen sind. Wartungsarbeiten finden unter höchster Geheimhaltungsstufe statt, die dafür abgestellten Spezialisten müssen ein mehrjähriges Verlässlichkeitstraining absolvieren.

Das Dorf Jemgung jedoch setzte dem Schneidermeister Nord ein Denkmal. Noch heute ziert es den Marktplatz der Stadt. Unter dem bronzenen Bildnis des Meisters ist ein Spruch eingraviert, den nur versteht, wer die wahre Geschichte kennt:
„Jeder Tropfen zählt.“
4.6.07 21:32


Sommer einer Kindheit

Das Lärmen der Kinder ist verstummt, die Stadt schlafen gegangen. Wolken ziehen auf, verwehren mir den Blick zu den Sternen. Heute Nacht soll es regnen, zum ersten Mal seit sechs Wochen. Seltsam, ich habe schon vergessen, wie es klingt, wenn Regentropfen auf Dächern tanzen. Aber ich erinnere mich an den Duft eines Gewitterregens nach einem heißen Tag. Wie der in den Sommern meiner Kindheit ... damals, als ich noch ein Junge war.

„Komm mit, Ludwig“, rief Waldemar mir zu. „Wir gehen an den Weiher. Du wirst sehen, das wird die pure Gaudi!“

Der Weiher war die einzige Attraktion, die unser Dorf im Sommer zu bieten hatte. Oft nahmen wir unsere Badesachen gleich mit zur Schule, damit wir nach Unterrichtsschluss nicht nach Hause mussten, wo wir Gefahr liefen, mit lästigen Arbeiten behelligt zu werden. Wenn wir abends noch tropfnass, aber herrlich erfrischt zu Hause ankamen, erwartete uns zwar immer ein väterliches oder mütterliches Donnerwetter, aber das taten wir mit einem Achselzucken ab.
„Wir sind nur einmal jung“, lautete die Devise und danach lebten wir. Mochten die Eltern noch so schimpfen und toben, wenn ich mit schelmischem Grinsen das Motto zitierte, lächelten sie: „Ja, du hast Recht. Du bist nur einmal jung. Mach das Beste draus!“

„Nein, heute nicht“, antwortete ich meinem Freund, „Ich muss noch was für die Schule tun.“
„Streber!“, gab Waldemar beleidigt zurück und ließ mich einfach stehen.
Ich atmete erleichtert auf. Er hatte meine Lüge nicht bemerkt.
Ich warf einen Blick auf meine Armbanduhr. Mir blieb noch genau eine halbe Stunde bis zu meiner Verabredung. Ich musste mich beeilen. So schnell ich konnte rannte ich nach Hause, tappte auf Zehenspitzen an der Küche vorbei die Treppe hoch zu meinem Zimmer und öffnete leise den Kleiderschrank. Hastig tauschte ich die Krachlederne gegen meine nagelneuen Jeans, das abgewetzte blaue Hemd gegen eines dieser T-Shirts, die gerade in Mode gekommen waren. Ein prüfender Blick in den Spiegel: Auch heute ließ mein erstes Barthaar vergeblich auf sich warten. Dafür lag meine Frisur tadellos, nachdem ich sie mit Pommade in Form gebracht hatte. Ich lächelte mir zu.
In der Küche hantierte Mutter lautstark mit ihren Kochtöpfen. Die beste Gelegenheit, das Haus unentdeckt wieder zu verlassen.

Anitas blonde Mähne leuchtete mir schon von Weitem entgegen.
Seit sie ein paar Wochen zuvor als neue Schülerin in unsere Klasse gekommen war, hatte ich davon geträumt, mich einmal mit ihr zu verabreden. Sie war rot geworden, als ich sie stotternd fragte, ob ich ihr die Mammutbäume in unserem Wald zeigen dürfe.
„Ja, gern“, hatte sie geantwortet.
„Hast du lange gewartet?“, fragte ich atemlos, als ich am verabredeteten Treffpunkt eintraf.
„Och, ne halbe Stunde oder so?“ Wenn sie lächelte, hatte sie ein niedliches Grübchen am Kinn.
„Aber … ich bin doch pünktlich?“, fragte ich verlegen.
Aus ihrem Lächeln wurde ein helles Lachen.
„Ja doch, ich hab nur Spaß gemacht.“
„Also dann: auf zu den Mammutbäumen“, gab ich den Marschbefehl und nebeneinander setzten wir uns in Bewegung.
Anita begann zu erzählen. Von der Stadt, in der sie gelebt hatte, von der Trennung ihrer Eltern und wie sehr sie sich einen Hund wünschte. Von dem „Fluch“, wie sie es nannte, ohne Geschwister aufzuwachsen, ihrer alten Schule und dem Stiefvater, den sie fürchtete. Ich war froh, nichts sagen zu müssen, denn vor Aufregung hätte ich wohl nur hilfloses Gestammel über die Lippen gebracht. Neben mir lief das Mädchen meiner heimlichen Träume und erzählte mir von ihrem Leben. Alles, was sie sagte, unterstrich sie mit lebhaften Gesten und ich hätte ein Vermögen dafür gegeben, ihr Gesicht beobachten zu können.
Nach zwanzig Minuten strammen Fußmarschs erreichten wir die Lichtung.
Fünf gewaltige Mammutbäume standen hier im Kreis angeordnet, jeder Stamm mehr als zwei Meter im Durchmesser.
Anita sah staunend daran empor.
„Die Kronen reichen ja bis in den Himmel“, flüsterte sie.
Ich empfand etwas wie Rührung. Sie wirkte so zerbrechlich, wie sie vor den Bäumen stand, so winzig. Unendliche Zärtlichkeit erfüllte mich und machte mich mutig. Ich ergriff ihre Hand. Sie zog sie nicht weg. Schweigend standen wir für eine Weile vor den Giganten, dann riss Anita sich plötzlich los: „Fang mich, wenn du kannst!“
Wie die Kinder tobten wir zwischen den Stämmen, bis uns der Atem ausging.
„Danke, dass du mich hierhergebracht hast.“ Anita lächelte mich an.
Ich sah ihre leuchtenden Augen, ihre wunderbar geschwungenen Lippen, zwischen denen weiße Zähne hervorblitzten und das Grübchen an ihrem Kinn. Ich konnte nicht anders: Ich musste sie küssen. Mit unsicheren Schritten ging ich auf sie zu, versuchte eine Umarmung und bot ihr meine Lippen zum Kuss.
Doch was dann geschah, damit hatte ich nicht gerechnet.
„Sag mal, spinnst du?“, brüllte sie mich an. „Lass deine Pfoten von mir! Du bist ja auch bloß so ein widerliches Dreckschwein!“ Ohne Zögern winkelte sie ihr Knie an und stieß es mit voller Wucht zwischen meine Beine. Stechender Schmerz schoss durch meinen Unterleib und erfasste für einen Moment meinen ganzen Körper. Ich fiel zu Boden, rang nach Atem.
Sie beobachtete mich schweigend.
Wuttränen liefen mir übers Gesicht, als ich mich endlich wieder aufrappelte. Aber, ich schwöre, was danach kam, wäre nicht passiert, hätte sie mir mit ihren Beschuldigungen nicht immer und immer wieder zugesetzt.

Vier Wochen später entdeckte ein Wanderer ihre Leiche an einen Mammutbaum gelehnt, den Blick aus leeren Augenhöhlen zum Himmel gerichtet.
Die Medien hatten bald einen Schuldigen gefunden.
„Mann tötet Stieftochter“ lautete eine Schlagzeile, „Blutiges Ende eines Kindesmissbrauchs“ eine andere. Vor Gericht wurde der Mann aus Mangel an Beweisen freigesprochen.

Ich habe nie mit einer Menschenseele darüber gesprochen. Meinen Eltern erklärte ich, ich hätte Ärger mit Waldemar und überhaupt ein ziemliches Tief, Waldemar sagte ich, ich hätte Ärger mit den Eltern. Dann ließen sie mich in Ruhe. Anita war noch neu in der Klasse gewesen und hatte keine Freunde. Von unserem Treffen wusste niemand. Niemals fiel auch nur der geringste Verdacht auf mich.
Als ich volljährig wurde, verließ ich das Dorf meiner Eltern und kehrte nie mehr dahin zurück.
Jetzt hat mich die Vergangenheit eingeholt …

„Du verdammter Heuchler … kommst daher und machst mir weis, du hättest alles gesehen? Willst mir nachgeschlichen sein … hast mir die Lüge mit der Schularbeit nicht abgekauft … nennst mich Mörder!

Wie hast du mich gefunden? … Sprich lauter, du verdammter Bastard! … Der Zeitungsbericht … das Foto von der Beisetzung meiner Frau … Hatte eben Pech, die Schlampe, wie die anderen auch … Bestie nennst du mich? … Waldemar, Waldemar … dass unsere Freundschaft so enden muss. Warum hast du denn nie was gesagt? Ich meine, als ich noch da war? Du hattest was? Sprich deutlicher, ich kann dich dich nicht verstehen! Warte, ich nehme dir den Knebel ab.“
„Angst!“
„Zurecht, mein Junge, zurecht. Und nun schrei, solange du noch Atem hast …“
5.6.07 08:15





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