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Wir werden Oma

„Du wirst Oma.“
An ihrem 21-sten Geburtstag beendet meine Tochter mein sorgloses Dasein als berufstätige Nicht-Hausfrau und kinderlose Mutter, als internetsüchtelnde Webmistress und spinnerter Workaholic mit drei simplen Worten.
„Ich werde was?“, frage ich überflüssigerweise, um meinem Verstand Gelegenheit zu geben, zu begreifen, was mein Gehör gerade unmissverständlich vernommen hat.
„Oma“, gibt sie gnadenlos zurück.
Ich bin froh, dass sie mir die Nachricht via Telefon übermittelt. So bleibt ihr der Anblick meiner aufgerissenen Augen und der Schweißperlen auf meiner Stirn erspart. Den Biss ins Sofakissen verkneife ich mir gerade noch, als ich die Katzenhaare darauf entdecke.
„Anfang zweiter Monat“, setzt sie hinzu, während ich weiter um Luft und Wörter ringe.
„Das glaub ich erst, wenn ich den Mutterpass sehe.“ Meine Ratio versucht, Zeit zu gewinnen.
„Den krieg ich erst in zwei Wochen, aber ich kann dir ein Ultraschallfoto zeigen, wenn ich nachher zu dir komme.“
„Alles klar, bis später dann“, sage ich hölzern, drücke die „Aus“-Taste am Handy – und beiße doch ins Sofakissen, inständig hoffend, dass ich eine unbehaarte Stelle erwische.
„Schatz, du siehst aus, als hättest du ein Gespenst gesehen. Geht’s dir nicht gut?“, fragt Martin, mein Lebensgefährte, als er aus dem Bad kommt.
„Ich werde Oma“, stammele ich und lege meinen Verstand zur vorübergehenden Aufbewahrung in den Kühlschrank. „Ich werde Oma, verdammt nochmal. Tu was!“, keife ich und trommele gegen seine Brust.
Martin erweist sich als der verständnisvollste Mann der nördlichen Hemisphäre und nimmt mich einfach in den Arm, während mich die totale Verweigerung am Kragen hat.
„Ich will das nicht … Tu doch was … Ich kann doch jetzt nicht Oma werden … Ich bin doch selbst noch ein Kind …“
Spätestens jetzt kann er sich das Lachen nicht mehr verkneifen.
„Stimmt“, sagt er und grinst mich schelmisch an.
„Ich glaub’s nicht. Und weißt du auch, warum?“ Ich setze meinen Philosophenblick auf und fahre fort: „Weil nicht sein kann, was nicht sein darf, basta!“
Martin wagt nicht, mir jetzt zu widersprechen. Während er sich an der Kaffeemaschine zu schaffen macht, meint er beiläufig: „Morgen geh ich dann mal los und sehe zu, dass ich irgendwo eine Kittelschürze für dich auftreibe“, und als er meinen mordlüsternen Blick sieht, fügt er genüsslich das Wort mit den drei Buchstaben hinzu. Ich möchte ihn hauen, besinne mich aber auf meine gute Erziehung. Gewalt ist schließlich keine Lösung. Galgenhumor hingegen schon.
„Ok, mein Lieber. Die neue Couch kannst du gleich wieder abbestellen. Nix mehr modern. Zeit der Gediegenheit. Wir brauchen Polster mit großen Ornamenten und Echtholzarmlehnen.“
„Nicht zu vergessen die neue Schrankwand in Eiche rustikal!“
„Weg mit den abstrakten Bildern, her mit dem röhrenden Hirsch!“
„Nix mehr Monk am Dienstagabend – ab jetzt gibt’s Musikantenstadl am Samstag.“
„Und Sex nur noch zu den Festtagen“, grinse ich und ich weiß, jetzt möchte er mich hauen ... aber auch er ist gut erzogen und beschränkt sich auf ein süffisantes Lächeln, während er für mich das Bild des Grauens vervollständigt: „Lockenwickler und Stützstrümpfe besorge ich dann auch noch, Liebes.“
Er stellt zwei Kaffeebecher auf den Couchtisch und fragt gespielt vorsichtig: „Oder möchtest du doch lieber Kamillentee? – Ich meine ... ich hab mit Omas noch keine Erfahrungen. Nicht mit gleichaltrigen jedenfalls ...“
Ich muss was tun, sonst platze ich. „Übersprunghandlung“ nennt man das, glaube ich, in der Verhaltensforschung. Ein bisschen irre vor mich hin kichernd gehe ich zur Spüle und lasse Wasser ein. Dass ich schon vor einer Stunde gespült habe und die Kaffeetassen noch gar nicht benutzt sind, entgeht mir dabei völlig. Ich stehe da und starre die Schaumbläschen an, die auf dem Wasser tanzen. Als mir die Sinnlosigkeit meinen Unterfangens bewusst wird, ziehe ich den Stöpsel aus dem Becken. Wasser gurgelt übrigens nicht, wenn es abläuft, es spricht. Zugegeben, es klingt ein bisschen wie ein Quaken, aber ich kann das 3-Buchstaben-Wort eindeutig identifizieren.

Es klingelt. Sie ist da. Dieses Kind, das ich vor 21 Jahren an einem Freitag den 13. geboren habe, nimmt grinsend meine Glückwünsche entgegen und reicht mir ein Ultraschallfoto.
„Darf ich vorstellen? Dein Enkel.“
Mit dem Computerausdruck in der Hand gehe ich ans Fenster. Ich brauche Licht. Das Bild ist erstmal zweitrangig. Ich will die Daten sehen. 3 cm. 7 SSW, voraussichtlicher Geburtstermin: 01.08.2007. Im Geiste spiele ich die Möglichkeiten durch: Wie ist sie an den Ausdruck gekommen? Hat sie vielleicht nur eine schwangere Freundin zum Arzt begleitet und das Bild einfach gemopst? Oder existiert irgendwo ein Schwarzmarkt für Ultraschallfotos zum Zwecke des unblutigen Müttermords? Verzweifelt suche ich nach dem Beweis, dass diese Aufnahme nicht zu dem Kind gehört, das da vor mir steht – und finde keinen.
„Ich will es bekommen“, sagt meine Tochter, Heischen nach Zustimmung in ihrem Blick.
„Du bist nicht schwanger“, sage ich trotzig.
„Bin ich doch!“
Das Gör war schon immer widerspenstig und rechthaberisch.
„Bist du nicht, verdammt noch mal. Du hast dich geirrt, eindeutig!“
„Jaja, und der positive Schwangerschaftstest, meine morgendliche Übelkeit, das Ziehen in der Brust ... und nicht zuletzt mein Gynäkologe auch!“
„Ich glaub’s erst, wenn ich den Mutterpass sehe. Ende der Diskussion.“
Sichtlich enttäuscht macht sich Töchterlein auf den Weg, um auch dem angehenden Opa die Nachricht zu überbringen.
Als sie gegangen ist, nimmt Martin mich wieder in den Arm.
„Du wirst immer du sein“, sagt er.
Plötzlich sehe ich Bilder vor mir: ich beim Stramplerkauf, beim Windelwechsel und beim Kinderwagenschieben ... Er, wie er über die Holzeisenbahn meines Enkels stolpert und im Ohrensessel Märchen vorliest.

„Na, wenn das so ist“, seufze ich, „Herzlichen Glückwunsch, wir werden Oma!“
14.12.06 11:38


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