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ich bin ich und du bist du

Hei?e ich vielleicht Sophie und bewege mich durch ein Kapitel eines der ber?hmtesten philosophischen Romane ?berhaupt? NEIN ? ich bin Madeleine, das wei? ich genau. Und dieser Zettel kann nur ein ?bler Scherz sein. Bestimmt steckt Jacky dahinter. ?Du findest mich am Fluss unter der alten Eiche?. Mit blauer Tinte hat jemand diesen Satz auf einen Zettel geschrieben. Was soll das? Und wenn der Zettel f?r mich bestimmt war, warum hat ihn der Verfasser erst noch t?chtig zerknittert? Oder ist das passiert, als er meinem Sch?ferhund Hector das St?ck Papier am Halsband befestigte? Hector ist aber auch wirklich viel zu zutraulich. Er l?sst sich einfach alles gefallen und die Leute scheinen das zu sp?ren. Angst hat jedenfalls niemand vor ihm.
Ich wei? schon, Jacky hat sich das ausgedacht. Sie kennt mich schon seit dem Kindergarten und sie wei?, dass ich Detektivspiele ?ber alles liebe. Aber ? zum Teufel ? wir sind l?ngst keine Kinder mehr. Ich bin 28, Notariatsgehilfin und kinderlos geschieden. F?r Spielchen bin ich wirklich inzwischen viel zu alt. Und Jacky eigentlich auch.

?Du findest mich am Fluss unter der alten Eiche?. Der Satz ?bt eine unbeschreibliche Anziehungskraft auf mich aus. Ich schaue aus dem Fenster. Es ist ein herrlich lauer Sommerabend. Die Hitze des Tages ist einer erfrischenden Brise gewichen. Ich nehme den Zettel aus dem Papierkorb, betrachte ihn, als k?nne er mir sein Geheimnis verraten. Ich starre ihn an, zerkn?lle ihn, gl?tte ihn wieder und starre wieder darauf. Was soll das blo?? Hector liegt zu meinen F??en und schaut mich ratlos an.

?Komm mein Junge?, sage ich laut zu ihm, ?wir machen einen Spaziergang.? Es wird bald dunkel werden, aber ich habe keine Angst. Die Anwesenheit des Hundes hatte schon immer eine beruhigende Wirkung auf mich. Bis zum Fluss ist es eine gute halbe Stunde Fu?marsch, aber jetzt ist meine Neugier geweckt. Ich krame die Taschenlampe aus der K?chenschublade. Sie funktioniert noch. Hector kann kaum erwarten, noch einmal raus zu kommen. Er ist ein verl?sslicher Hund. Die Leine nehme ich zwar mit, aber ich glaube nicht, dass wir sie brauchen werden.

Auf dem Weg zum Fluss h?nge ich meinen Gedanken und Hector seinem Geruchssinn nach. Die alte Eiche. Ich habe ein komisches Gef?hl, wenn ich daran denke, so, als sei mit ihr eine Erinnerung verbunden, die ich nur allzu gern verdr?ngt habe. Wenn ich doch nur w?sste, was es damit auf sich hat. Wie ein Blitz f?hrt ein Bild durch meinen Kopf. Ein Mann! Mich fr?stelt. Der Mann sitzt unter der Eiche. Er tr?gt alte, abgewetzte Kleidung. Sein Stoppelbart l?sst darauf schlie?en, dass er schon lange mehr keinen Wert auf K?rperpflege legt. Madeleine, rei? dich zusammen, denke ich. Aber die Erinnerung h?llt mich ein, sie l?sst mir keine Chance mehr. Wie eine Flutwelle umschlie?t sie mich. Es gibt kein Entrinnen.

Nicht mehr weit bis zum Fluss, aber mir ist, als k?nnte ich keinen Meter mehr weiter gehen. Ich lasse mich ins warme Gras einer Obstwiese sinken, die zusammen mit vielen anderen den Weg zum Fluss s?umt. Zusammen gekauert, die Beine ganz eng an den K?rper gezogen, gebe ich mich meinen Erinnerungen hin...

?Madeleine, komm da weg!?. In Jackys Stimme schwingt Angst mit, aber ich gehe unbeirrt weiter. Die unheimliche Gestalt am Fu? der gro?en Eiche macht mir keine Angst. Ich bin 9 Jahre alt und neugierig. Als ich bei der Eiche ankomme, hebt die Gestalt den Kopf. M?de Augen blicken mich an. ?Geh!?, sagt der Alte. ?Lass mich in Ruhe!?. Ich weiche ein paar Meter zur?ck, aber ich laufe nicht davon. ?Wer bist du??, frage ich den Mann und ich bin ?berrascht, als er antwortet: ?Ich bin, der ich bin. Mein Zuhause ist dein Zuhause. Ich bin ich und du bist du. Oder bin ich vielleicht du und du bist ich?? Ein wirres Lachen begleitet seinen letzten Satz. ?Madeleine, nun komm schon?, ruft Jacky wieder. Sie wartet in sicherer Entfernung auf mich. ?Kleine, verschwinde von hier?, brummt der Alte. Ich schaue ihm ins Gesicht und meine Nackenhaare str?uben sich. Ich kann durch ihn hindurch sehen! Wie auf einem R?ntgenbild kann ich seine Knochen erkennen. Sein Sch?del grinst mich an, mit gebleck! ten Z?hnen. ?Bist du der Tod?? fl?stere ich. Er antwortet mit einem hohl klingenden Lachen, das vom anderen Ende des Universums zu kommen scheint. ?Ich bin der, der ich bin. Ich bin ?berall und nirgendwo. Ich bin in dir und du bist in mir.? ?Madeleine!! Jetzt komm doch endlich da weg?, Jackys Rufen ist nun zu einem hysterischen Schreien geworden. Ich gebe nach, laufe so schnell ich kann zu meiner wartenden Freundin. ?Madeleine, sag mal?, fragt Jacky, ?warum hast du diesen Baum so lange angestarrt und mit wem, zum Teufel, hast du da geredet? Du bist wohl plemplem?? W?hrend wir zusammen nach Hause laufen, stimmt sie einen Sprechgesang an, so wie es Kinder tun: ?Madeleine ist v?llig irre, Madeleine ist v?llig irre!?...

Ich gehe nicht weiter. Ich rufe Hector, der sich schweren Herzens, aber unterw?rfig, zu mir zur?ck trollt. Eilig machen wir uns gemeinsam auf den Weg. Als ich zu Hause ankomme, bin ich v?llig au?er Atem. Um meine Panik zu verdr?ngen, mixe ich, so wie ich es sonst nur f?r Jacky und mich tue, einen Mexican Sunset. Ich st?rze ihn hinunter, als l?sche jeder Schluck einen Teil meiner Erinnerungen. Ich muss mit Jacky reden. Ich w?hle ihre Nummer. Besetzt. Der Drink brennt in meiner Kehle, als ich den Zettel zur Hand nehme, der noch immer auf dem Tisch liegt. ?Ein kleiner Gru? von deiner besten Freundin? steht darauf...
29.11.04 19:02


Ich habe es gesehen

Der Mann war ?berrascht. Er hatte nicht mit Besuch gerechnet. Nicht zu dieser Stunde. Das Haus war dunkel, alle Kerzen l?ngst erloschen. Virginia, seine geliebte Tochter, f?hlte sich nicht wohl und war fr?h zu Bett gegangen. Bedienstete gab es in diesem Haus schon lange nicht mehr. Wer also hatte diesen fremden Besucher ins Haus gelassen?

Der Mann rieb sich die Augen. Tr?umte er vielleicht? Nein, dies war kein Traum. Das Rei?en in den Gliedern, das mit den Jahren immer schlimmer geworden war, machte ihm auf schmerzhafte Weise klar, dass er hellwach war. Angst hatte er nicht. Zu viel schon hatte er im Laufe seines Lebens durchgemacht, als dass ein n?chtlicher Besucher in der Lage gewesen w?re, den Mann noch in Schrecken zu versetzen. Zu viel hatten seine alten Augen gesehen ? auch Vieles, das zun?chst unglaublich erschienen war. Immer war er den Dingen auf den Grund gegangen, furchtlos Kritikern und Verfolgern gegen?ber getreten, hatte seine Erkenntnisse publik gemacht. Vermeintliche Freunde hatte er verloren, Verurteilung und Haft ertragen, was sollte ihm noch geschehen?

Wortlos hatte der Besucher pl?tzlich an die T?r seiner Schlafkammer geklopft. Der Mann musste sich anstrengen, um in der Dunkelheit die Konturen seines seltsamen Gastes erkennen zu k?nnen. Der Mann, von seinem ganzen Wesen her darauf angelegt, sich Klarheit zu verschaffen, beschloss, eine Kerze zu entz?nden. Zuerst zaghaft, dann kr?ftig z?ngelte die Flamme und erhellte den Raum mit einem sp?rlichen Lichtschein. Der Mann wartete, bis sich seine Augen an die k?rgliche Beleuchtung gew?hnt hatten. Dann begann er, den Besucher zu mustern. Er war jung, um die 30 Jahre. Und gro? war er, gr??er als der Mann selbst.

Ein freundliches L?cheln lag auf seinen Lippen, bevor er den Mund ?ffnete und mit der sanftesten Stimme, die der Mann je vernommen hatte, das Gespr?ch er?ffnete: ?Verzeihen Sie die St?rung, edler Herr. Es ist sonst nicht meine Art, zu n?chtlicher Stunde in fremde H?user einzudringen, aber ich habe eine Mission zu erf?llen, die es mir unm?glich macht, Euch bei Tageslicht aufzusuchen.?

Der Mann war erstaunt, ob der h?flichen, ruhigen Art, in der sein Besucher sein Anliegen formulierte ? und gleichzeitig erwachte seine Neugier. Je mehr sich seine Augen an das schummrige Licht der Kerze gew?hnten, um so mehr Einzelheiten konnte er erkennen. Der Gast trug einen gl?nzenden Anzug aus einem Gewebe, das der Mann noch nie vorher gesehen hatte und er musste an sich halten, um nicht die Hand danach auszustrecken. Er wollte f?hlen, wie es sich anfasste. Seine Verwunderung wurde immer gr??er, doch noch bevor er antworten konnte, fuhr der Besucher fort: ?Darf ich Euch zu einer Reise einladen, edler Herr? Es wird eine Art der Reise sein, wie Ihr sie f?r unm?glich haltet, aber ich kann Euch versichern, dass Ihr wohlbehalten zur?ckkehren werdet. Ihr werdet Dinge sehen, die kein Mensch vor Euch je gesehen hat ? und Ihr werdet verstehen.?

Der Mann war unf?hig, sich der ruhigen Bestimmtheit seines Besuchers zu entziehen. Sein Leben lang hatte er verstehen wollen. Nun bot sich ihm die Gelegenheit dazu ? wenn auch auf ungew?hnliche und ebenso unerwartete Weise. ?Ihr seid ungebeten in mein Haus gekommen, dennoch seid Ihr willkommen. Auch wenn ich nicht wei?, wohin mich diese Reise f?hren wird, ich vertraue Euch. Wissbegier ist mein Leben und ich sehne mich danach, Neues zu erfahren. Jedoch, bevor wir aufbrechen: wie soll ich Euch ansprechen?? ?Arion?, antwortete der geheimnisvolle Besucher, ?nennt mich Arion?.

Der Mann kleidete sich an, denn er war schon zu Bett gegangen, als es an seiner T?r klopfte. Auf Zehenspitzen, damit Virginia nicht erwachte, verlie?en sie das Haus durch die T?r zum Garten, die, wie der Mann erstaunt feststellte, nicht verschlossen war. Virginia musste vergessen haben, sie zu verriegeln. Arion geleitete ihn durch das Gartentor, hin zu dem Wald, der sich an das Grundst?ck anschloss. Sie schienen in die Dunkelheit der Nacht einzutauchen, doch Arion schien sich m?helos zu orientieren. Schon nach kurzer Zeit war inmitten des Unterholzes ein gewaltiges blinkendes Unget?m zu erkennen.

So etwas hatte der Mann noch nie gesehen und jetzt wurde ihm zum ersten Mal bewusst, auf welches Abenteuer er sich hier einlie?. Gerade, als ein leichtes Gef?hl der Angst von ihm Besitz zu ergreifen drohte, fl?sterte Arion: ?Dies ist unser Reisegef?hrt. Habt keine Angst, es hat mich sicher hierher gebracht und wird auch Euch heil bef?rdern. Steigt ein, ?ffnet Augen und Verstand, doch haltet Euren Mund verschlossen ?ber das, was Ihr jetzt sehen und erleben werdet!?. Der Mann wagte nicht, zu widersprechen. Er beobachtete, wie Arion das Unget?m ?ffnete. Der Innenraum war hell beleuchtet. ?berall blinkten Lichter, die, wie der Mann erkannte, nicht von Kerzen stammten. Zwei merkw?rdig geformte St?hle warteten auf ihre G?ste. Arion kletterte in das Unget?m hinein. Der Mann folgte ihm und nahm auf dem freien Stuhl Platz. Arion schloss die gl?serne Kuppel des Unget?ms, dr?ckte auf einigen der blinkenden Lichter herum und die Reise begann.

Das Raumschiff erhob sich m?helos vom Boden. Schon bald sah der Mann sein Haus, seinen Garten, den Wald, ja das Dorf, dann die Stadt Siena ? immer gr??er wurde sein Blickfeld und immer kleiner die Erde. Meere waren zu erkennen, gro?e Landfl?chen ? der Mann war sprachlos. Die Reise ging weiter ? mitten hinein ins All, vorbei an den Planeten, die der Mann so oft durch sein Fernrohr betrachtet hatte. ?Das ist das Weltall?, erkl?rte Arion. ?Ihr habt es schon oft betrachtet und Euch gefragt, wie es dort aussehen mag, nicht wahr?? Ein stummes Nicken war die Antwort. ?Seht Euch um?, fuhr Arion fort. ?Nehmt es in Euch auf. Vergesst niemals, was Ihr hier seht. Ihr habt immer f?r die Wahrheit gek?mpft und bevor Euch Selbstzweifel ?bermannen k?nnen, sollt Ihr hier und heute den Beweis bekommen, f?r das, was Ihr als unumst??liche Wahrheit erkannt habt.?

Arion hielt das Raumschiff an. Es hielt seine Position im All und der Mann schaute sich um. Unter ihnen war die Erde zu erkennen, jener kugelrunde Planet, auf dem er zu Hause war. Der Mann konnte erkennen, dass eine H?lfte der Kugel beleuchtet war, w?hrend die andere H?lfte im Schatten lag. Jene Seite n?mlich, die von der Sonne abgewandt war. Der Mann konnte Landmassen ausmachen, riesige Wasserfl?chen und die eisbedeckten Pole. Der Anblick lie? den Mann erschauern. Was ihm hier widerfuhr, grenzte an Wahnsinn und ihm wurde klar, dass er niemandem jemals dar?ber werde berichten k?nnen. Man w?rde ihm nicht nur keinen Glauben schenken, sicherlich w?rde er auch sofort wieder in Haft genommen und diese Erfahrung wollte der Mann nie wieder machen m?ssen. ?berw?ltigt von dieser Erkenntnis und der einzigartigen Erfahrung, die er gerade machte, schloss der Mann die Augen. Arion sa? schweigend neben ihm. Er wusste nur zu gut, wie sich der Mann f?hlen musste und g?nnte ihm die Ruhepause.

Eine Ewigkeit schien zu vergehen, bevor Arion wieder die Rede an den Mann richtete: ?Edler Herr, schaut hinab. ?ffnet Eure Augen und erz?hlt mir, was Ihr seht.? Der Mann schlug die Augen auf, schaute durch die Glaskuppel hinaus und stie? ein ?berraschtes ?Oh? aus. ?Sagt mir, was Ihr seht!? forderte Arion erneut. ?Die Sonne ? sie steht an unver?nderter Position. Doch die Erde..... die Erde...?, stammelte der Mann. ?Sprecht weiter!? Der Mann l?chelte nun und seine Augen schienen zu leuchten. ?Die Erde hat sich bewegt. Ich kann Teile sehen, die vorhin noch im Schatten lagen.? ?Was bedeutet das f?r Euch??, fragte Arion weiter. ?Ich habe recht gehabt. Die Erde dreht sich um die Sonne. Ich habe es gesehen, ich habe es mit eigenen Augen gesehen!? Auch Arion l?chelte nun, wusste er doch, welche Bedeutung diese Erkenntnis f?r seinen Reisegef?hrten besa?. ?Meine Mission ist erf?llt, edler Herr! Ich werde Euch nun nach Hause bringen. Vergesst nicht: Niemand darf je von unserer Reise erfahren. NIEMAND!? ?Ich verspreche es. Kein Mensch wird davon erfahren. Arion, ich danke Euch von ganzem Herzen! Ihr ahnt nicht, was diese Nacht f?r mich bedeutet!?

Arion setzte das Raumschiff wieder in Bewegung. Langsam n?herten sie sich wieder der Erde, tauchten in die Atmosph?re ein. Schweigend nahm der Mann die Eindr?cke in sich auf. Der Morgen d?mmerte bereits, als Arion den Mann zu seinem Haus geleitete und in sein Schlafgemach, das er vor wenigen Stunden verlassen hatte. Das Haus war noch immer ruhig. Virginia schien von dem n?chtlichen Ausflug ihres Vaters nichts bemerkt zu haben. Mit ruhigem L?cheln betrachtete Arion den Mann, der ersch?pft und gl?cklich auf sein Bett sank. ?Lebt wohl, edler Herr. Unsere Reise war mir ein Vergn?gen. Ihr werdet mich nie wiedersehen, doch vergessen werdet Ihr mich nie.? Arion verlie? das Schlafgemach ebenso leise, wie er es zu Beginn der Nacht betreten hatte.

8. Januar 1642: In Arcetri, nahe Siena, stirbt im Kreise seiner Freunde ein Mann. Bevor er f?r immer verstummt, sagt er mit Trotz in der Stimme: ?Und sie bewegt sich doch? und setzt, nun fl?sternd, hinzu: ?Ich habe es gesehen?....


Der Fall Galilei kann uns eine bleibend aktuelle Lehre sein f?r ?hnliche Situationen, die sich heute bieten und in Zukunft ergeben k?nnen." (Papst Johannes Paul II.an die P?pstliche Akademie der Wissenschaften am 31. Oktober 1992)
29.11.04 19:04


Memories

?Achtung an Gleis 3. Es hat Einfahrt der ICE 583 ? Hamburg ?M?nchen ? Meran.?
Der Mann betrachtete das kleine M?dchen, das an der Hand der Mutter fr?hlich den Bahnsteig entlang h?pfte. Unbeschwert, wie es wohl nur Kinder wirklich sein k?nnen.
Er kannte sie seit langem. Seit sie ihren ersten Schrei getan hatte. Er war dabei gewesen, als sie ihre ersten Schritte tat, hatte ihr erstes gesprochenes Wort geh?rt und beobachtet, wie sie ? eine riesige Zuckert?te im Arm ? ihren ersten Schultag meisterte. Ralf musste schmunzeln, als ihn die Erinnerungen einholten. Er musste daran denken, wie stolz Michelle war, als sie ihren ersten Zahn verloren hatte und seine Augen leuchteten bei dem Gedanken an ihr glockenhelles Lachen, das jeden, der es h?rte, bezauberte.

Mit kreischenden Bremsen fuhr der Zug in den Bahnhof ein und riss Ralf aus seinen Tagtr?umen. Immer noch an der Hand der Mutter stieg Michelle in den Zug ein. Ralf folgte ihnen und nahm im Nachbarabteil Platz. Von Nebenan konnte er das Gespr?ch von Mutter und Tochter belauschen.
?Mama, warum fahren wir so weit weg??
?Michelle, das habe ich dir doch schon erkl?rt.?
?Ich habe es aber nicht verstanden. Erz?hl es mir doch noch einmal?, begann Michelle zu betteln.
?Du erinnerst dich an Onkel Paul, nicht wahr??
?Ja, klar. Er hat mir immer Schokolade geschenkt, wenn er zu Besuch kam.?
?Siehst du und Onkel Paul braucht unsere Hilfe. Der Arme hat sich das Bein gebrochen und er hat doch niemanden, der sich um ihn k?mmert.?
?Kann er jetzt gar nicht mehr laufen? Musst du ihn tragen??
?Nein, mein Schatz?, Ines musste lachen. ?Tragen muss ich ihn nicht, aber ich muss f?r ihn kochen und waschen und putzen, eben Alles machen, was er nicht alleine schaffen kann.?
?Darf ich auch mithelfen??
?Klar, du bist doch die ?St?tze der Hausfrau?! Ich z?hle auf dich. Und Onkel Paul freut sich auf dich.?

Ralf dachte an Onkel Paul und sein Blick verfinsterte sich. Nur zu genau erinnerte er sich daran, wie der ?gute Onkel? sich immer wieder an Michelle heran geschlichen hatte. Wie er sie auf seinen Scho? gezogen und sie liebkost hatte ? mehr, als es sich f?r einen Onkel geziemte. Michelle hatte sich nichts dabei gedacht. Sie war ja noch ein ganz kleines M?dchen gewesen. Und Ralf hatte tatenlos zusehen m?ssen. Aber diesmal, ja diesmal w?rde er es zu verhindern wissen! Er w?rde nicht zulassen, dass der Kleinen ein Leid geschah und schon gar nicht von ?Onkel Paul?. Ein ver?chtlicher Zug umspielte Ralfs Lippen. Nie wieder w?rde Onkel Paul das Kind in die schmutzigen Finger bekommen, daf?r w?rde er sorgen! Er musste sich konzentrieren...

Als der Zug in den M?nchner Bahnhof einrollte, war Michelle l?ngst nicht mehr so munter, wie sie es noch zu Beginn der Reise gewesen war. M?digkeit hatte sie ergriffen und ihr Geplapper, zur Erleichterung ihrer Mutter, irgendwann zum Stillstand gebracht.
?Mama, zieh doch nicht so!?, jammerte die Kleine, verzweifelt darum bem?ht, mit der Mutter Schritt zu halten.
?Entschuldige, Schatz. Ich bin wirklich unfair. Ich vergesse immer, dass du viel k?rzere Beine hast als ich.? In gem??igtem Tempo setzten die Beiden ihren Weg zum Ausgang fort.
?Mama, ich hab Hunger?, begann Michelle zu quengeln.
?Wir sind bald bei Onkel Paul. Dann mache ich dir ein sch?nes Butterbrot, einverstanden??
?Butterbrot? Nein, ich mag Pommes!? insistierte die Kleine.
Seufzend gab ihre Mutter nach.

Die Pommes frites schmeckten ranzig und Michelle hatte bald genug davon. ?Mama, fahren wir jetzt zu Onkel Paul??. Regelrecht weinerlich klang das Kind.
?Ja, nur noch ein paar Stationen mit der U-Bahn und dann sind wir bald da.? Michelle hatte die Nase voll von Bahnen aller Art, aber sie f?gte sich in ihr Schicksal. Sogar ihre Neugier erwachte von Neuem: ?Mama, kennst du dich gut aus in M?nchen? Warst du schon einmal hier??
Ein Schatten huschte ?ber das Gesicht der Mutter. Heimweh vielleicht?
?Ja, Schatz. Und du auch. Erinnerst du dich nicht mehr? Du warst noch ganz klein...?
Michelle riss staunend Mund und Augen auf.
?Iiiiiiich war schon einmal in M?nchen? Das ist aufregend! Was haben wir hier gemacht??
?Wir haben hier gewohnt und dann habe ich diese Stelle in Hamburg bekommen und wir sind weggezogen.?
?Dann komme ich jetzt also nach Hause? Das ist toll, Mama!?
Ines war blass geworden. F?r einen Moment schien es, als sei sie der Ohnmacht nahe. Mit einem Schlag war alles wieder da! ?Mein Gott?, stammelte sie. ?Nein, das ist nicht wahr!?
Sie sah sich selbst. Ein kleines M?dchen, auf dem Scho? eines Mannes. Sie sah H?nde, die nach ihr grabschten. Sie sah einen Mund, der auf sie zukam, um sie zu k?ssen. Sie h?rte diese Stimme wieder, die beschwichtigend auf sie einredete. War das die Stimme von ...? Sie musste Gewissheit haben. Jetzt!!
Hektisch und mit zitternden H?nden kramte sie das Handy aus ihrer Handtasche. Die Nummer hatte sie vorher unz?hlige Male gew?hlt und so brauchte es nun nur einen Tastendruck, um die Verbindung herzustellen. ?Onkel Paul?? Sie schrie fast ins Telefon. Menschen wandten sich nach ihr um. Verst?ndnislos. Sie lauschte nur einen kurzen Moment, bevor sie das Telefon von sich schleuderte, als w?rde sie versuchen, sich gl?hender Kohlen zu entledigen, die sich in ihre Handfl?chen brannten. Tr?nen schossen aus ihren Augen.
?Mama!?, Michelle hatte zu Weinen begonnen. Noch nie hatte sie ihre Mutter so aufgebracht, so traurig, so verzweifelt gesehen. Um Fassung ringend, ergriff Ines ihre Hand. ?Schatz, das kann ich dir jetzt nicht erkl?ren. Ich wei?, dass du dich freust, in M?nchen zu sein, aber wir k?nnen nicht bleiben. Wir fahren zur?ck.? Michelle wagte nicht, aufzubegehren. Sie war verwirrt, verstand nicht was vorging. Widerstandslos folgte sie Ines zum Fahrkartenschalter.

Der Mann betrachtete das kleine M?dchen, das ? nun m?de geworden ? an der Hand der Mutter den Bahnsteig entlang stolperte.

?Genau so hatte ich mir das gedacht?. Zufrieden l?chelnd und erleichtert bestieg Ralf den Zug. Pleite wie er war, konnte er sich nun nur noch ?ber eines freuen: Engel brauchen keinen Fahrschein.
29.11.04 19:14


Niemals geht man so ganz

Schon zum dritten Mal hatte sie dieser Traum aus dem Schlaf gerissen. Sie hatte ihn gesehen!
IHN, mit dem sie hatte alt werden wollen und der sie vor genau zwei Jahren einfach verlie?. Ganz klar war das Bild gewesen. Sie hatte seine Augen gesehen. Diese braunen Augen, aus denen in gl?cklichen Momenten ein Funken Gold zu spr?hen schien. Seine Stupsnase, die ihn aussehen lie? wie ein zu gro? geratenes Kind, seine vollen Lippen, die immer wie geschminkt gewirkt hatten.

Er hatte sie verlassen. Ohne Vorwarnung! Er hatte sie einfach in ihre eigene Zukunft gesto?en. Ohne R?cksicht! Es gab kein ?wir? mehr. Simone seufzte.

Wie sehr hatte sie diesen Mann geliebt, der ihr so viel zu geben wusste ? und wie sehr hasste sie ihn seit diesem Tag vor zwei Jahren, an dem er sie allein lie?.

?Warum?, fragte sie sich, ?kehrt er jetzt zur?ck? Warum verseucht er meine Tr?ume??
Sie wollte ihn vergessen, ihn aus ihrem Leben und ihren Gedanken verbannen, nicht um die verlorene Liebe trauern, sondern neu beginnen. Zu sehr schmerzte die Erinnerung an die gemeinsam verbrachten gl?cklichen Jahre. Zu gro? war der Verlust. Und nun brachte er sich unaufgefordert in Erinnerung, dr?ngte in ihr Leben zur?ck.

Er rief nach ihr. Sie konnte deutlich ihren Namen h?ren. ?Simone, ich friere. Komm her und w?rme mich!? In jedem ihrer Tr?ume hatte er sie zu sich gerufen. Jedesmal schauderte Simone, nur um kurz darauf aufzuwachen und atemlos dem Pochen ihres rasenden Herzens zu lauschen. ?Verschwinde endlich aus meinem Leben?, dachte sie dann und f?hlte sich doch ganz einfach nur hilflos.

Das Grab ist von wilden Pflanzen ?berwuchert. Niemand scheint sich jemals um seine Pflege gek?mmert zu haben. Ein schlichtes Holzkreuz erinnert an den Namen des hier Ruhenden. Vor dem Grab kniet eine Frau, verzweifelt darum bem?ht, das Unkraut von zwei Jahren zu entfernen. ?Du hast mich gerufen. Hier bin ich!? sagt Simone laut ? und Tr?nen laufen ?ber ihre Wangen.
29.11.04 19:15


Sogar die Kinder

Ein Bote hatte den Brief gebracht. Ein etwa zehnj?hriger, schmutzstarrender Junge in ?rmlicher Kleidung. Er war klein f?r sein Alter.
Ich war sicher, dass er auf den Zehenspitzen hatte stehen m?ssen, um den schweren schmiedeeisernen T?rklopfer zu erreichen und zu bewegen Es musste ihn Kraft gekostet haben, den Ring anzuheben und gegen die dunkle Eichent?r zu schlagen.
Dennoch hatte das Kerlchen nur ein Klopfen zustande gebracht, das lediglich ein wenig lauter war als das Pochen meines eigenen Herzens.

Ich erschrak, denn schon seit Jahren hatte niemand mehr an meine T?r geklopft. Ich f?hrte ein einsames, ein zur?ckgezogenes Leben.

Vorsichtig ?ffnete ich die T?r und war mehr als ?berrascht, diesen kleinen Jungen auf meiner T?rschwelle zu entdecken. Eine dunkelblaue M?tze in der linken, ein br?unliches Rechteck in der rechten Hand, stand er vor mir. Er wirkte ?ngstlich und neugierig zugleich.
Seine blauen Augen erinnerten mich an den Waldsee, den ich auf einem meiner Ausfl?ge mit meinem Vater ? Gott hab ihn selig ? gesehen hatte. Von saftig gr?nen Wiesen umgeben hatte er in der Sonne geglitzert. Das Azur des Himmels hatte sich darin gespiegelt. ?Schau?, hatte mein Vater gesagt, ?es ist, als ber?hre der Himmel die Erde?.

Bei dieser Erinnerung muss ich wohl gel?chelt haben, denn der kleine Junge schien ein wenig seine Scheu vor mir zu verlieren. Schelmisch grinsend hob er die Hand mit dem braunen Rechteck und streckte es mir entgegen.

Wortlos nahm ich den Umschlag in Empfang, verwirrt, ?berrascht, verunsichert. Doch der Kleine konnte ja nichts daf?r. Bevor die aufkeimende Angst mich vollends erfassen konnte, trat ich einen Schritt zur?ck, gab die T?r frei und forderte den Kleinen auf, doch herein zu kommen.

?Nein?, stammelte er, jetzt wieder ?ngstlich, ?das darf ich nicht. Ich muss gehen.?

Ich hatte geahnt, dass er meine Einladung nicht annehmen w?rde. ?Sogar die Kinder...?, dachte ich. ?Warte?, murmelte ich, ?ich will Dir Deinen Lohn geben.?

W?hrend der Kleine an der T?r wartete, ging ich zur?ck in die K?che. Am Morgen hatte ich Brot gebacken. Ich schnitt eine dicke Scheibe von dem noch immer warmen, duftenden Brotlaib, beschmierte sie mit frischer Butter und der Erdbeermarmelade, die ich gerade gestern gekocht hatte.
Als ich mit meiner Gabe in der Hand zur?ck kam, erhellte ein Leuchten das Gesicht des Kindes. Er musste hungrig sein. Wie einen kostbaren Edelstein nahm er das Brot in die Hand, betrachtete es liebevoll, nahm einen herzhaften Bissen, bedankte sich artig und lie? mich mit dem Brief und meiner Angst allein.

Der Brief schien in meinen H?nden lebendig zu werden. Die Buchstaben tanzten vor meinen Augen, als wollten sie mich verh?hnen. Als hielte ich gl?hende Kohlen in der Hand, lie? ich den Brief fallen. Da lag er nun auf den dunklen Holzdielen. Das Braun des Umschlags bildete kaum einen Kontrast zum Boden. Wenn die D?mmerung kam, w?rde er nicht mehr zu erkennen sein.

Meine Angst vor diesem St?ck Papier wuchs ins Unermessliche. Mein Herz jagte das Blut durch die Adern, meine H?nde zitterten, meine Beine wollten mich nicht mehr tragen. Ich sank in den Korbstuhl, der schon zu Lebzeiten meines Vaters in der N?he des Kamins gestanden hatte. Versonnen blickte ich in die z?ngelnden Flammen.

Die Existenz dieses Briefes erf?llte den Raum. Mir wurde abwechselnd hei? und kalt, der Schwei? rann meinen K?rper entlang und ich w?re nicht ?berrascht gewesen, h?tte sich eine Pf?tze auf dem Boden gebildet.
Ich nahm all meine Kraft zusammen, stand schwerf?llig auf und schleppte mich ins Schlafzimmer. Die Last meiner 52 Jahre dr?ckte mich pl?tzlich nieder.
Ich nahm meinen gro?en geh?kelten Umhang vom Bett, wo ich ihn heute morgen nachl?ssig hingeworfen hatte, als ich von meinem morgendlichen Spaziergang zur?ck gekommen war. Ich legte mir den Umhang um die Schultern, hastete zur Eingangst?r und verlie? eiligen Schrittes das Haus.

Als der frische Herbstwind mit meinem Haar spielte, der Duft des nahen Waldes mich umfing, der Eichelh?her mit seinem Ruf meine Anwesenheit verk?ndete, wurde ich ruhiger. Schon als Kind hatte ich mich in der Natur am wohlsten gef?hlt. Hier war ich mehr zu Hause als in dem H?uschen, in dem ich geboren wurde, wo ich aufwuchs und in dem ich alt geworden war. Alles war mir vertraut. Die Tiere, die Pflanzen, jedes noch so kleine Kr?utlein kannte ich mit Namen.

Hier drau?en f?hlte ich mich geborgen und nun, da ich den n?tigen Abstand hatte zu dem Brief, der unheilschwanger auf mich wartete, konnte ich mich meinen Gedanken hingeben.

Warum machte mir ein St?ck Papier so gro?e Angst? Warum hatte ich den Brief nicht einfach ge?ffnet? Hatte mich die Vergangenheit so sehr in die Isolation getrieben, dass ich hinter jedem Kontakt mit den ?Menschen da drau?en? Unheil bef?rchtete?
Auch wenn ich keine Fragen auf das ?Warum? fand, meine letzte Frage musste ich mit ?Ja? beantworten. Ja, ich hatte Angst vor den Menschen. Verlacht hatten sie mich, beschimpft, gequ?lt und ge?chtet.

Es half Nichts. Ich konnte den Brief nicht leugnen. Er lag auf dem Dielenboden, enthielt eine Nachricht, die seinem Absender immerhin so wichtig gewesen war, dass er ihn geschrieben und einem Boten anvertraut hatte.

Bevor ich den Heimweg einschlug, lenkte ich meine Schritte zu der kleinen Kapelle, die ein besonders gl?ubiger Mensch lange vor meiner Geburt hier erbaut hatte, um, so sagte es die Legende ?Gottes Anwesenheit in der Natur? zu huldigen. Das Kreuz, das ?ber dem schlichten Altar hing, hatte meine Tr?nen gesehen, meine Qualen erlebt und mir Trost gespendet. Wenn ich zum Gebet auf die Knie sank, sp?rte ich, wie mich neue Kraft durchstr?mte. Diese Kraft war es, die ich brauchen w?rde, um den Brief zu ?ffnen.

Gest?rkt und mit neuem Mut erf?llt, kehrte ich zur?ck, schob die schwere Eichent?r auf, hob, noch bevor ich meinen Umhang abgelegt hatte, den Umschlag vom Boden auf und legte ihn auf den Tisch in meiner K?che.
Ich musste stundenlang drau?en gewesen sein, denn es d?mmerte bereits. So konnte ich in der kurzen Zeit, in der ich den Brief in den H?nden gehalten hatte, nicht erkennen, ob die Buchstaben noch immer jenen unheimlichen Tanz auff?hrten, der mich so sehr ge?ngstigt hatte.

Ich entz?ndete eine Kerze und ihr Schein fiel auf den Umschlag. Ich konnte ihn greifen, ihn sehen, ja, sogar riechen konnte ich ihn. Ein zartherber Duft entstr?mte dem Papier. Ich schloss die Augen, versuchte, ruhig zu werden. Der Brief war eindeutig an mich gerichtet.
In sicherer, klarer Handschrift hatte jemand meinen Namen auf den Umschlag geschrieben. Die Buchstaben tanzten nicht mehr. Vor mir lag ein einfaches St?ck Papier, das mir keine Angst mehr einjagte. Vorsichtig nahm ich den Brief in die Hand, drehte und wendete ihn in der Hoffnung, einen Hinweis auf seinen Absender zu finden.

Als ich den Brief?ffner zur Hand nahm, um dem Geheimnis des Briefes auf den Grund zu gehen, klopfte es an der Eingangst?r. Laut diesmal. Einsch?chternd. Fordernd.

Ich wagte nicht, dieses Klopfen zu ignorieren, schlurfte zur T?r und ?ffnete. Was dann geschah, kommt mir noch immer vor, wie ein b?ser Traum.

M?nnerh?nde packten mich, rissen an meinen Haaren, schleppten mich zu einem Karren. Sie schlugen nach mir. Ich schrie. Sie traten nach mir. Ich flehte um Erbarmen. Ich wei? nicht mehr, wie viele es waren. Vielleicht drei, vielleicht vier, vielleicht sechs. Ich kann es nicht mehr sagen. Sie hoben mich hoch, stie?en mich in den vergitterten Karren und trieben die Pferde an. Als ich die Flammen sah, die aus dem Dach meines H?uschens schlugen, schrie ich noch einmal laut auf. Danach m?ssen Schmerz und Verzweiflung meinen Verstand mit einem gn?digen Nebel umgeben haben, denn an die Fahrt kann ich mich nicht erinnern.

Als der Nebel sich lichtete, meine Augen sich ?ffneten und meine schmerzenden Glieder mir mein erb?rmliches Dasein bewusst machten, als die Benommenheit der zur?ck kehrenden Angst wich, h?rte ich die Stimmen. ?Hexe brenn, Hexe brenn!? und ich wusste, die Hexe, die sie meinten, war ich.
Vorsichtig setzte ich mich auf und als ich an mir heruntersah machte ich eine unglaubliche Entdeckung. Noch immer hielt ich den Brief in der Hand. Der Brief, der mich ? vor wie vielen Stunden? ? in Todesangst versetzt hatte, hatte mich hierher begleitet. Als die H?scher mich holten, musste ich ihn instinktiv umklammert gehalten haben, als hinge mein Leben davon ab.

Vor dem Hexenturm, denn das war der Ort, an dem sie mich gefangen hielten, br?llte die w?tende Meute. Ich wusste, meine Zeit war gekommen. Sie w?rden mich holen. Bald. Und ich w?rde brennen ? so wie es die Menge forderte.

Durch das kleine Loch in der Mauer fiel Licht in meinen Kerker. Mit zitternden H?nden ?ffnete ich den braunen Umschlag. Ich wusste, ich hatte keine Zeit mehr. Ich musste schnell lesen:

Liebste Anna,

sicher erinnern Sie sich nicht mehr an mich. Sie jedoch sind immer in meinem Herzen geblieben. Das Leben meiner lieben Frau habe ich Ihnen zu verdanken und das Leben meines Sohnes, dem Sie vor nunmehr f?nfzehn Jahren auf die Welt geholfen haben. Durch Ihre Hilfe konnte meine Frau die schwere Geburt ?berleben und Ihrer Heilkundigkeit und Weisheit ist es zu verdanken, dass sich beide von den Strapazen erholten und sich heute bester Gesundheit erfreuen.

Die bangen Stunden, als Mutter und Kind zwischen Leben und Tod schwebten, als der finstere Gesell schon ums Haus schlich, um sie zu holen, Sie waren es, die diese Stunden mit Ihrer Zuversicht ertr?glich machten. Ich habe allen Grund zur Dankbarkeit und heute kann ich mich endlich erkenntlich zeigen.

Anna, Sie m?ssen fliehen! Die Schergen der Inquisition sind schon auf dem Weg. Nur noch wenige Stunden, bis sie an Ihre T?r klopfen und Sie verhaften werden. Glauben Sie mir, ich wei? es aus sicherer Quelle. Ihr Leben ist in h?chster Gefahr.

Sobald Sie den Brief gelesen haben, m?ssen Sie davon laufen. Noch bleibt genug Zeit zur Flucht....


Die Kerkert?r ?ffnet sich. Sie kommen mich holen. Sie rei?en mir den Brief aus den H?nden und w?hrend die Stimmen der w?tenden Meute lauter werden, f?hren sie mich ein letztes Mal ans Tageslicht. ?Hexe brenn! Hexe brenn!? M?nner br?llen es, Frauen br?llen es und sogar die Kinder. Sie wollen mich brennen sehen.

Als sie mich auf den Scheiterhaufen binden, lasse ich meine Blicke ?ber die Menge schweifen.
In der letzten Reihe wendet sich ein Mann ab, ich kann noch die Tr?nen sehen, die ?ber seine Wangen rinnen, bevor er sein schmerzverzerrtes Gesicht in den H?nden vergr?bt und gramgebeugt den Ort meines Todes verl?sst.

Nun kenne ich den Absender der Zeilen. Sein Name ist Johannes.
29.11.04 19:18


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