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Willkommen in meinem Weblog!
29.11.04 17:07


EI

?Frau Stein, bitte kommen Sie sofort ins B?ro der Gesch?ftsleitung.?
Die Stimme der Sekret?rin klang neutral, wie immer. Aber wenn sie zur Gesch?ftsleitung zitiert wurde, bedeutete das meist nichts Gutes f?r Sophie. Sie beeilte sich, der Aufforderung nachzukommen und klapperte auf hochhackigen Pumps hastig in Richtung Lift. Der Spiegel, der ? warum auch immer ? in der engen Aufzugkabine montiert war, zeigte ihr, dass alle Farbe aus ihrem Gesicht gewichen war.
Verdammt, ich werde viel zu schnell nerv?s, dachte sie, w?hrend sie mit zittrigen H?nden ihren Rock glatt strich und den Sitz ihrer Frisur kontrollierte.
Im zw?lften Stock hielt der Lift mit einem sanften Ruck, die T?ren gaben den Zugang zum Korridor frei und Sophie trat hinaus. Sie gab sich gro?e M?he, gelassen und selbstbewusst aufzutreten, so wie es eben von der Leiterin der Entwicklungsabteilung erwartet wurde. Entschlossen trat sie ins Vorzimmer und hielt den pr?fenden Blicken der Sekret?rin stand.
?Der Chef erwartet Sie?. Die Sekret?rin war ideal f?r diesen Posten. Kurzes schwarzes Haar ?ber einem fast m?nnlich anmutenden, ungeschminkten Gesicht. Riesige Brillengl?ser komplettierten das Bild dieser Unperson. Sophie mochte sie nicht, aber damit stand sie nicht allein.
?Na los, worauf warten Sie??, fragte das seelenlose Wesen hinter dem Schreibtisch. Sophie z?gerte nicht l?nger. Resolut klopfte sie an, noch w?hrend sie die T?r zum ?Allerheiligsten?, wie das B?ro des Chefs in Kollegenkreisen genannt wurde, ?ffnete.

?Ah, da sind Sie ja, meine Liebe.? Die joviale Begr??ung lie? in Sophie alle Alarmglocken l?uten. Normalerweise war Herr Hildebrandt ein Mensch, dem Unsachlichkeiten wie Verst?ndnis oder Freundlichkeit fremd waren.
?Bitte, nehmen Sie Platz?, forderte er sie auf und l?chelte sogar.
Sophie bemerkte, dass ihre H?nde noch immer zitterten, als sie den Rock glatt strich und sich auf dem bequemen Ledersessel niederlie?.
?Nun, Frau Stein. Ich habe Sie kommen lassen, weil ich etwas mit Ihnen besprechen muss.? Hildebrandt lachte kurz auf. ?Darauf w?ren Sie selbst nicht gekommen, was?? Jetzt kicherte er sogar. Zu Sophies Entspannung trug dieses Verhalten keineswegs bei. Im Gegenteil, sie wurde noch nerv?ser. Was war mit ihrem Chef los?
?Gibt es Probleme in der Entwicklungsabteilung??, fragte sie lahm.
?Wie man es nimmt.?, gab Hildebrandt zur?ck und streckte die Hand nach einer ?berdimensionalen Kaffeetasse aus, die auf seinem Schreibtisch stand.
?Darf ich Ihnen auch einen Kaffee bringen lassen??
?Nein, danke. Herr Hildebrandt, bitte sagen Sie mir, worum es geht.?
?Also gut. Sie erinnern sich an unser letztes Projekt??
?Nat?rlich!? Schlie?lich war dieses Projekt erst vor vier Monaten abgeschlossen worden. Hielt der Boss sie f?r Alzheimer gef?hrdet?
?Nun, es sieht aus, als sei Ihre Erfindung mehr als erfolgreich gewesen.?
?Was soll das hei?en: mehr als erfolgreich??
?Was ich gesagt habe: MEHR als erfolgreich.?
Sophies Herz begann zu rasen. Sie hatte ein Spielzeug erfunden. Nichts Spektakul?res in der heutigen Zeit. Freilich, ein Spielzeug, das es in sich hatte. Im wahrsten Sinne des Wortes. Sie hatten es einfach EI getauft. EI ? f?r Electronical Intelligence. Sophie erinnerte sich nur zu gut an die frustrierenden Testl?ufe. Immer neue Programmierfehler waren zu Tage getreten und gerade als ihr Team die Hoffnung aufgeben wollte, war ihnen der Durchbruch gelungen. Der virtuelle Teddyb?r auf dem Display ?berlebte. Er wuchs. Er lernte. Er konnte sogar interagieren. Sie hatten es geschafft! Die Palette virtueller Tierchen zu erweitern, war ein Kinderspiel gewesen. EI war nicht l?nger nur auf ein poussierliches B?rchen reduziert, es gab auch Hasen, Katzen, Hunde, Schlangen, ja sogar Krokodile w?rden die Aufmerksamkeit ihrer Besitzer fordern. Dabei stellten die Raubtiere eine gr??ere Herausforderung dar, denn wie in der Natur entwickelten sie sogar in ihrem virtuellen Lebensraum einen Jagdinstinkt.
?Ich verstehe nicht. Unsere Tests haben doch ergeben, dass das EI funktioniert. Was meinen Sie also mit ?mehr als erfolgreich??? Sophie war verwirrt. Im Geiste ging sie noch einmal alle Unw?gbarkeiten durch.

?Lassen Sie es mich Ihnen zeigen.? Hildebrandt wandte sich nach rechts, wo eine Leinwand die zartgelbe Tapete seines B?ros verdeckte. Seine linke Hand nahm eine Fernbedienung vom Schreibtisch. Routiniert dr?ckte er einen der Kn?pfe und was Sophie dann auf der Leinwand sah, raubte ihr den letzten Rest von Zuversicht.

?Das sind meine Kinder.?, begann Hildebrandt zu kommentieren. ?Sie sind gl?cklich, einen Vater zu haben, der eine Spielzeugfabrik besitzt. Klar, dass sie geradezu pr?destiniert sind, unsere Entwicklungen zu testen.?
Die Leinwand zeigte drei Kinder. Zwei M?dchen, ein Junge. Alle drei am Beginn des Teenageralters, dachte Sophie, die das Alter von Kindern nicht wirklich sch?tzen konnte. Jedes der Kinder hielt ein EI in der Hand.
?Schau mal, Luise, meine Schlange hat Eier ins Nest gelegt!?, h?rte Sophie den Jungen rufen. ?Mein Krokodil auch!? gab Luise zur?ck.
Schnitt.
Der Ausschnitt zeigte den selben Raum. Aber diesmal keine Kinder. Stattdessen....
Sophie konnte kaum glauben, was sie sah. Nein, das musste ein schlechter Traum sein. Oder besser: ihr Chef wollte ihr einen Streich spielen.

Auf dem Boden im Kinderzimmer kringelten sich junge Schlangen, dazwischen krochen Krokodiljunge, noch blind und auf der Suche nach ihrer Mutter. Sophie konnte Ger?usche h?ren, welche die Anwesenheit junger Katzen vermuten lie?en und w?hrend die Kamera schwenkte, konnte sie auch Hundewelpen erkennen, gleich neben einem B?renp?rchen.

?DAS meinte ich mit ?mehr als erfolgreich??. Hildebrandt wandte sich zu ihr um.
29.11.04 18:50


erschienen in Ausgabe 6/05 der Zeitschrift KURZGESCHICHTEN ISSN 1613-432x



Ein Traum von Afrika



?Unglaublich, dieser Ausblick!?

Fast schon schien es, als klebe Johns Nase an der Scheibe des Passagierflugzeugs.

?Guck doch mal. Wie winzig Alles ist!?, setzte er seine Schw?rmerei fort, doch Cathy lie? sich davon nicht beeindrucken. Sie starrte weiter vor sich hin.

?Ich w?nschte, wir w?ren endlich da.?, sagte sie zum wiederholten Mal. Diese verdammte Reise nach ?bersee war mal wieder eine von Johns Schnapsideen gewesen. Das ?alte Europa? wollte er bereisen, ?Geschichte erleben?. Cathy seufzte gequ?lt bei dem Gedanken an all die Kirchen, Burgen und Schl?sser, durch die John sie in den n?chsten vier Wochen schleppen w?rde. Verflixt, sie hatte so darauf gehofft, endlich die ersehnte Reise nach Afrika machen zu k?nnen, als der Mann von der Lottogesellschaft bei ihnen aufgetaucht war und die Nachricht vom Millionengewinn ?berbracht hatte. Unwillk?rlich hatte sie sich ihrem Lebenstraum nahe gef?hlt, sich als Meryl Streep gesehen, mit Robert Redford als gl?hendem Liebhaber an ihrer Seite. Begegnungen mit Zebras, mit Giraffen und Elefanten hatte sie vor ihrem geistigen Auge gesehen. Abenteuer! Endlich raus aus dem verstaubten Einerlei des Alltags!



John hingegen hatte ihre Hoffnungen mit einem einzigen Satz zunichte gemacht: ?Wir fliegen nach Europa.?

In diesem Augenblick hatte Cathy gewusst, dass sie sich von ihm trennen w?rde ...
29.11.04 18:53


Die Frau am Fenster

Die Frau am Fenster winkte mir zu. Einfach so. Vielleicht, weil sie heute besonders gl?cklich war. Vielleicht auch, weil sie sich freute, ein Gegen?ber zu haben. Ich war gerade erst in diese Wohnung eingezogen. Beim Gro?reinemachen hatte ich das Fenster ge?ffnet, das genau zum Fenster des Nachbarhauses wies. Da sah ich sie. Eine ?ltere Frau, vielleicht siebzig Jahre alt. Grauhaarig und gem?tlich vollschlank. Als sie mich am offenen Fenster sah, winkte sie mir zu. Ein warmes Willkommen in meinem neuen Leben.

Ich sah die Frau am Fenster jeden Tag. Bald erkannte ich, dass es die Arbeitsfl?che ihrer K?che war, was sich unmittelbar hinter dem Fenster befand. Ich sah sie beim Kuchen backen und ich schaute ihr zu, wenn sie Kartoffeln sch?lte. Ab und zu drehte sich die Frau um. Obwohl ich nie eine zweite Person sah, nahm ich an, dass sie in diesen Momenten mit ihrem Mann sprach.

Die fremde Frau geh?rte zu meinem Leben wie meine Freunde, mein Kater und meine Arbeit. Ohne es zu wissen, begleitete sie mich durch das Jahr. Einen Kalender brauchte ich nicht mehr, denn an ihren wechselnden Fensterdekorationen konnte ich die jeweilige Jahreszeit ablesen. Sie wurde zu meinem Fixpunkt und oft ertappte ich mich dabei, wie ich an meinem Schreibtisch sa? und gedankenverloren zu ihr hin?ber schaute. Wie mochte ihr Leben gewesen sein? Hatte sie Kinder gro? gezogen und kamen sie manchmal zu Besuch? Mit wem sprach sie, wenn sie sich in den Raum umwandte? Hatte sie einen Beruf gehabt? Welche Hobbies mochte sie haben? War sie einsam? War sie zufrieden? Oft stellte ich mir diese Fragen, auf die ich wohl nie eine Antwort bekommen w?rde.

Und ich begann, ?ber mich nachzudenken. ?ber mich und mein Leben. Was hatte ich erreicht, was hatte ich vers?umt? Was h?tte ich besser machen k?nnen? Was h?tte ich besser nie getan? Ich fand Antworten. Manche unbequem. Andere schmerzhaft. Aber immer, wenn Verzweiflung, Reue, Trauer mich zu ?berw?ltigen drohten, sah ich hin?ber zur Frau am Fenster. Und ich wurde ruhig.

Pl?tzlich wurde mein Leben turbulent. Ich hatte neue Freunde gefunden, mit denen ich oft ausging. Nur selten noch fand ich Zeit zum Schreiben. Tags?ber ging ich ins B?ro, Abende und Wochenenden verbrachte ich mit meinen neuen Freunden. Mein Leben bekam eine neue Qualit?t. Nein, das Wort ?Qualit?t? ist falsch gew?hlt. Ich wurde oberfl?chlich, ich wurde unsensibel. Kurz: ich wurde mir fremd.

?Katja, du musst heute Abend unbedingt mitkommen! Wir gehen zum Italiener und machen einen drauf!? Selbst am Telefon duldete Regina keinen Widerspruch. Eigentlich hatte ich mir vorgenommen, an diesem Abend zu Hause zu bleiben. Zum ersten Mal seit langem wollte ich es mir mit einem guten Buch und meinem Kater gem?tlich machen.
?Los, du m?de Socke, raff dich schon auf. Es ist doch Wochenende!?, bohrte Regina weiter, meine zaghafte Weigerung ignorierend.
?In einer Stunde hole ich dich ab! Basta!? Das Klicken in der Leitung signalisierte, dass Regina das Gespr?ch f?r beendet hielt und sofort setzten die Gedanken ein, die mein Leben in den letzten Monaten bestimmt hatten. ?Was ziehe ich an? Was mache ich blo? mit meinen Haaren? Nehme ich den gr?nen Lidschatten, oder doch lieber den blauen, der so gut zu meinen Augen passt? Verflixt, ich muss meine N?gel neu lackieren. Unbedingt!?

Eine Frau in meinem Alter kann sich keine Nachl?ssigkeiten erlauben. Sorgf?ltig w?hlte ich meine Garderobe, nahm eine belebende Dusche und legte anschlie?end das vermeintlich perfekteste Makeup auf, das mir je gelungen war. Ich schenkte meinem Spiegelbild ein zufriedenes L?cheln, zog meine hochhackigen Pumps an und wartete auf Regina.

Die ?berraschung war meiner Freundin gelungen. Im Restaurant warteten Sigrid und Paul. Die Beiden waren gerade von einer Kreuzfahrt zur?ck gekehrt und wollten sich nun, wie es ihre Art war, in der Schilderung ihrer exklusiven Erlebnisse sonnen. Anfangs gelang es mir noch, Interesse zu heucheln, aber nach einer Weile lie? ich meine Blicke und Gedanken ziellos durch das Lokal wandern.

Das Restaurant war voll besetzt. An den meisten Tischen sa?en junge und weniger junge P?rchen. Alle hatten eines gemeinsam: sie strahlten Harmonie aus. Pl?tzlich bemerkte ich, dass mich jemand ansah. Eine Frau. Deutlich ?lter als ich und allein. Sie sa? an einem Tisch ganz in der Ecke des Lokals und starrte unverwandt zu mir her?ber. Merkw?rdig! Dass ich gelegentlich den einen oder anderen durchaus interessierten Blick eines Mannes auf mich zog, war normal, aber dass mich eine Frau so musterte?

?Tr?umst du, oder was ist mit dir los??, riss mich Regina unsanft aus meinen Gedanken.
?Sieh dir doch mal dieses Blau an. Sag mal ehrlich, hast du je so ein Blau gesehen??. Sie hielt mir eines der unz?hligen Fotos unter die Nase, die eine winkende Sigrid auf einem wei?en Schiff zeigten. Der Kontrast zum Azurblau des Meeres war in der Tat bezaubernd, konnte mich jedoch l?ngst nicht in solches Entz?cken versetzen, wie das offenbar von mir erwartet wurde. Aber das schien nicht weiter ins Gewicht zu fallen, denn meine drei Freunde verfielen sofort wieder in Euphorie. Sigrid schnatterte an einem St?ck.

Ich beschloss, das zu tun, was Frauen immer tun, wenn ihnen nichts Besseres einf?llt: ich ging zur Toilette. Als ich die T?r ?ffnete, stie? ich fast mit der fremden Frau zusammen.
?Hoppla, junge Frau. Nicht so eilig!? kommentierte sie meinen Rempler und schenkte mir dabei ein verst?ndnisvolles L?cheln.
?Sie sehen nicht besonders gl?cklich aus. Die Urlaubserlebnisse ihrer Freunde scheinen sie nicht zu interessieren.?
Klar, Sigrid hatte mal wieder so laut gesprochen, dass alle G?ste im Lokal mittlerweile genau sagen konnten, wo die Reise hin ging, wie lange sie dauerte und was sie gekostet hat.
?Wenn sie m?gen, kommen sie doch nachher an meinen Tisch und leisten mir alter Frau ein wenig Gesellschaft.?

Zu meiner eigenen ?berraschung und der meiner Freunde, nahm ich das Angebot an.
?Entschuldigt mich, ich habe eine alte Bekannte getroffen.?, murmelte ich nur, w?hrend ich mit meinem Weinglas in der Rechten und meiner Handtasche in der Linken dem Tisch der Frau zustrebte.

?Sie kennen mich nicht, habe ich Recht??, er?ffnete die Frau das Gespr?ch.
?Nein, nat?rlich nicht.?, gab ich leicht verwirrt zur?ck.
?Nat?rlich ist das nicht wirklich. Wir sind Nachbarinnen!?
?Sind wir das??
?Ja, das sind wir. Manchmal schauen sie zu mir her?ber.?
Die Frau am Fenster. Nat?rlich! Meine Nachbarin, mit der sich meine Gedanken so lange und so ausgiebig besch?ftigt hatten. Da sa? sie am Tisch, mir gegen?ber. Und mit einem Mal war sie mir vertraut.

Ungefragt begann sie, zu erz?hlen. Von ihrer Kindheit. Dem Mann, den sie ? gerade 18 Jahre alt geworden - gegen den Willen der Eltern geheiratet hatte und mit dem sie so gl?cklich h?tte sein k?nnen.
?Wenn ich doch nur eins der Kinder h?tte austragen k?nnen. Alle drei hab ich verloren...?. Ein Schatten legte sich auf das Gesicht der alten Frau, als sie von ihren Fehlgeburten erz?hlte.
?Er hatte andere Frauen, aber ich habe ihm immer wieder verziehen. Er war ein wirklich guter Mann. Als er diesen Unfall hatte, w?re ich am liebsten selbst gestorben.?
Nach dem Tod ihres Mannes hatte sie die ?rmel aufgekrempelt, sich zur Altenpflegerin ausbilden lassen und fortan ihre Erf?llung im Beruf gefunden.
?Wissen sie, die alten Leute gaben mir so viel zur?ck. Ich wei?, es klingt albern, aber f?r mich waren sie wie die Kinder, die ich nie hatte.?
Bis zu ihrer Rente hatte sich meine Nachbarin um alte, einsame Menschen gek?mmert und selbst jetzt, da sie l?ngst pensioniert war, z?hlte sie sich selbst zu den ?Jungen?.
?Wenn ich einmal alt bin, w?nsche ich mir auch Menschen, die sich um mich k?mmern.? Bei diesen Worten war ein schwacher Glanz in ihre Augen getreten.
Ich hatte stumm zugeh?rt. Als die alte Dame zu reden aufgeh?rt hatte, griff ich spontan ihre H?nde und sah ihr fest in die Augen.
?Sie haben diesen Menschen soeben gefunden.?, sagte ich schlicht.

?Katja, komm doch endlich. Wir wollen noch weiter ins Happy Inn. Da ist heute Longdrink-Night. Mach schon!? Regina zerrte mich regelrecht vom Stuhl. Ich verabschiedete mich hastig von meiner neuen Freundin und folgte den Anderen. Den Rest des Abends brannte ich nur noch darauf, endlich allein zu sein.

Zur?ck in meiner Wohnung entledigte ich mich meiner Kriegsbemalung, zog bequeme Hosen an und kuschelte mich auf der Couch ein. W?hrend ich noch dar?ber gr?belte, warum mich diese ?berraschende Begegnung so aufgew?hlt hatte, fiel mir ein, dass ich zwar nun die gesamte Lebensgeschichte meiner Nachbarin kannte, sogar ein wenig von ihrem Seelenleben ? aber eines kannte ich nicht: ihren Namen. Wie hatte ich nur vergessen k?nnen, sie danach zu fragen? Ich w?rde ihr in den n?chsten Tagen einen Besuch abstatten. Die richtige T?rklingel zu finden konnte nicht so ein riesiges Problem sein. Genau das w?rde ich machen. Gleich am Sonntag!

Am n?chsten Morgen galt mein erster Gedanke der Frau am Fenster, aber heute musste sie wohl ausnahmsweise l?nger geschlafen haben. Sie war nirgendwo zu sehen.

Am Sonntag klingelte ich, mit einem Blumenstrau? in der Hand, an s?mtlichen T?ren im Nachbarhaus. Niemand da, wie es schien. Gerade als ich resigniert den Heimweg antreten wollte, wurde der T?r?ffner bet?tigt und ich konnte eintreten. Ein ?lterer Herr sah mich misstrauisch an. Meine Nachbarin hatte mir von ihm erz?hlt. Gelegentlich lud sie ihn zum Essen zu sich ein. Er war es auch, zu dem sie sich manchmal umgewandt hatte, wenn ich zu ihr hin?ber sah.
?Zu wem m?chten sie denn??, fragte er.
?Zu der Dame, die ?ber ihnen wohnt.? antwortete ich.
Einen Moment lang schwieg er, bevor er, mit Tr?nen in den Augen, wieder zu sprechen anhob:
?Sie meinen Frau Mertens? Dann wissen sie es noch gar nicht??
?Nein, was soll ich denn wissen??
?Frau Mertens ist am Freitagabend gestorben. Pl?tzlicher Herztod. Sie hatte sich einen sch?nen Abend beim Italiener gemacht und auf einmal fiel sie tot um.?

Keine Worte k?nnen ausdr?cken, was ich in diesem Moment f?hlte. Die Frau am Fenster ? nie mehr w?rde ich sie sehen, nie mehr w?rde sie mir zuwinken, nie mehr mit Fensterschmuck die Jahreszeit weisen. Ich trauerte, wie um eine gute Freundin.
Bedr?ckt ging ich nach Hause. Leere breitete sich in mir aus. Jene altbekannte Leere, die ich zuzudecken versucht hatte. Mit der Frau am Fenster war meine Hoffnung gestorben, je f?r einen Menschen wirklich wichtig werden zu k?nnen.

In meiner Wohnung angekommen, br?hte ich mir einen Kaffee, schaltete den Computer ein und ?ffnete das Schreibprogramm. Und ich begann zu tippen:

Die Frau am Fenster winkte mir zu. Einfach so. Vielleicht, weil sie heute besonders gl?cklich war. Vielleicht auch, weil sie sich freute, ein Gegen?ber zu haben.
29.11.04 18:57


Freundesdienst

Ramona bestieg das Flugzeug. Zum ersten Mal in ihrem nicht mehr ganz jungen Leben hatte sie es gewagt. Eine Flugreise! Noch vor kurzem w?re das Benutzen dieses Transportmittels f?r sie v?llig undenkbar gewesen, aber dann hatten ihre Freunde sie zu einem gemeinsamen Urlaub in Griechenland ?berredet. H?tte sie geahnt, dass diese Freunde sie im letzten Moment im Stich lassen w?rden, niemals h?tte sie sich darauf eingelassen. Im Stich lassen war eigentlich nicht das richtige Wort. ?Sei nicht albern!? dachte sie. ?Vasily?s Herzinfarkt ist wirklich ein Schicksalsschlag und anstatt dar?ber zu jammern, dass du nun allein wirst in der Sonne liegen m?ssen, solltest du dich um deine Freunde sorgen.? Nach Annettes Anruf vor drei Tagen war Ramona?s erste Reaktion gewesen: ?Ich bleibe zu Hause?, aber dann packte sie doch die Abenteuerlust. ?Stell dich nicht so m?dchenhaft an. Du wirst doch noch in der Lage sein, zwei Wochen allein zurecht zu kommen!?. Also hatte sie all ihren Mut zusammen gerafft und nun stieg sie tats?chlich in das Flugzeug ein, das sie, hoffentlich sicher, nach Thessaloniki bringen w?rde.


Der Flug verlief ohne Komplikationen. Ramona schaffte es sogar, sich zu entspannen. Allm?hlich begann die Vorfreude. ?Zwei Wochen Nichtstun. Sonne, Sand, Meer, gutes Essen und deine geliebten B?cher. Mensch, das klingt wie der Himmel auf Erden.? Am Flughafen wurde sie bereits von einem Taxi erwartet. Der Fahrer hielt ein Schild mit ihrem Namen hoch. Er sah irgendwie finster aus, aber Ramona hatte keine Wahl. Sie musste sich diesem Menschen anvertrauen. W?hrend der zweist?ndigen Fahrt, die Ramona mehr ?ngstigte als der gef?rchtete Flug vorher, musste sie feststellen, dass der Mann, dem sie sich ausgeliefert hatte, sie nicht verstand. Sie versuchte es in Deutsch und Englisch, aber der Mann schien nur seine Muttersprache zu beherrschen. ?Warum fliege ich auch ausgerechnet in ein Land, dessen Sprache ich nicht spreche?? schimpfte Ramona ein wenig mit sich selbst.


Die Ankunft an ihrem endg?ltigen Ziel entsch?digte sie indes f?r alles. Schon als sie aus dem Taxi ausstieg, h?rte Ramona Sirtaki-Kl?nge, die sie sogleich in Urlaubsstimmung versetzten. Der finstere Taxifahrer schien die Vermieter des Appartements zu kennen, denn nachdem er seinen Fahrgast unter lautem Hallo ? zumindest hatte Ramona die griechische Unterhaltung als herzliche Begr??ung gedeutet ? abgeliefert hatte, verschwand er mit dem Hausherren irgendwo im oberen Stockwerk. Eine kleine, dunkelhaarige Frau zeigte Ramona ihr k?nftiges Domizil. Auch sie schien kein Wort zu verstehen. Seufzend f?gte sich Ramona in ihr Schicksal. ?Zum Schweigen verdammt?, dachte sie sich, aber sie war wild entschlossen, sich nicht die Laune verderben zu lassen. Das Appartement verzichtete auf jeglichen Luxus, wirkte aber dennoch anheimelnd. ?Hier werde ich mich wohlf?hlen?, dachte Ramona und als sie den gro?en Balkon betrat, der den Blick auf den herrlichen Sandstrand freigab, f?hlte sie sich f?rmlich wie im Paradies.


Sie fing sofort an, ihre Koffer auszupacken, denn sie wollte so schnell wie m?glich die Gegend erkunden, die f?r die n?chsten zwei Wochen ihr Zuhause sein w?rde. ?Sorbas Dance?, die Titelmelodie des uralten Spielfilms mit Anthony Quinn, vor sich hinsummend, g?nnte sich Ramona eine erfrischende Dusche und schl?pfte anschlie?end in ihr brandneues pastellfarbenes Sommerkleid. Gerade als sie die wei?en Sandalen anziehen wollte, h?rte sie ein Ger?usch, das vorher nicht da gewesen war.


Zuerst war es nur ein Raunen gewesen. Ein Raunen, das von ?Sorbas? Dance? verdeckt wurde. Ramona verstummte und jetzt h?rte sie es deutlicher. Sie konnte Worte erkennen. Leise wispernd. Eindringlich. Warnend. ?Du musst hier weg!? sagte die Stimme. ?Bring dich in Sicherheit?. Immer und immer wieder diese beiden S?tze, immer im gleichen Tonfall, immer mit der gleichen Intensit?t. Ramona schaute sich um. Sie war allein. Nat?rlich war sie allein. Die kleine Frau war ja l?ngst gegangen. Dennoch vernahm sie diese Stimme. Wer sprach? Lauschend schlich sie vorsichtig durch die beiden kleinen R?ume, in der Hoffnung, das R?tsel zu l?sen und den Sprecher dieser endlos sich wiederholenden S?tze zu entdecken. Vielleicht im anderen Appartement? Nein, das Haus war absolut ruhig, ihre Nachbarn schienen ausgeflogen zu sein.


?Mir ist die Hitze wohl nicht bekommen? wischte Ramona das unheimliche Gef?hl weg, das sie zu beschleichen drohte und wie auf Befehl verstummte das Fl?stern. ?Siehst du, du hast eine zu bl?hende Phantasie, du M?chtegern-Abenteurerin!?. Erleichtert nahm sie das Summen wieder auf, zog nun endlich ihre Sandalen an, packte Handtasche und Zimmerschl?ssel und brach zu ihrem ersten Spaziergang auf.


Vasily, selbst Grieche, hatte einen Ort gew?hlt, der von Deutschen kaum frequentiert wurde. ?Peramos scheint die griechische Nordseek?ste zu sein?, schmunzelte Ramona. Sie h?tte eigentlich ja auch gar nichts dagegen gehabt, Land und Leute kennenzulernen, wenn alles wie geplant verlaufen w?re. Vasily h?tte den beiden Frauen sicherlich als Dolmetscher zur Seite gestanden ? aber nun war eben alles anders gekommen. An der Strandpromenade tummelten sich Alt und Jung, ganze Familien und Singles, P?rchen und solche, die es werden wollten. Ramona genoss das farbenpr?chtige Bild, das sich ihr bot. Bunt gekleidete, fr?hliche Menschen, azurblauer Himmel, strahlend wei?e Geb?ude und Stra?enlokale ?berall entlang der endlos erscheinenden Uferpromenade. Mist, die neuen Schuhe dr?ckten ein wenig an ihren nackten F??en. Im n?chstbesten Lokal suchte sie sich einen freien Platz und bereitete sich darauf vor, ihre Bestellung unbeholfen gestikulierend an den Mann zu bringen. An einen gutaussehenden Mann, wie Ramona feststellte. Gerade als sie versuchte, ihren Wunsch nach einer eiskalten Cola in Gesten zu verpacken, fragte der Kellner auf Deutsch nach ihren W?nschen. ?Es gibt doch einen Gott?, dachte Ramona und wunderte sich ein wenig dar?ber, dass man ihr die deutsche Herkunft schon auf den ersten Blick anzusehen schien.


Am Nachbartisch sa?en zwei ?ltere M?nner. Offenbar hatten die beiden schon m?chtig in die Ouzo-Flasche geschaut, die mittlerweile fast leer zwischen ihnen stand. Sie sprachen Griechisch miteinander und nat?rlich konnte Ramona kein Wort des Gesagten verstehen. Pl?tzlich erstarrte sie. Da war sie wieder! Die Stimme!!! ?Du musst hier weg!? und ?Bring dich in Sicherheit!? Ramona sch?ttelte den Kopf und blickte sich um. Der Kellner? Nein, er stand mindestens zwanzig Meter entfernt hinter seiner Theke und pl?nkelte mit einem weiblichen Gast herum. ?Macho, Macho? summte Ramona vor sich hin, bis sie sich selbst zur Ordnung rief. ?Hey, du h?rst eine Stimme, die dich warnt. Eine Stimme, die dich sogar bis hierher verfolgt ? und du hast nichts Besseres zu tun, als d?mmliche Melodien zu summen? Finde lieber heraus, wo das herkommt!? Hm, die beiden M?nner am Nachbartisch sprachen immer noch Griechisch miteinander. Von dort war die Stimme sicher nicht gekommen. Die beiden Kinder, die l?rmend durch das Lokal liefen? Unm?glich! Sie h?rte eindeutig die Stimme eines Mannes. Nein, sie musste hier weg! So schnell wie m?glich. Ramona beeilte sich, den Kellner an ihren Tisch zu rufen, zahlte und wartete nicht einmal auf Wechselgeld. Panisch verlie? sie das Lokal und rannte auf dem kleinen Holzsteg, der ?ber den Sandstrand hinweg vom Lokal weg f?hrte zum Meer. Aber sie schien nicht entkommen zu k?nnen. Die Stimme war immer noch da ? und diesmal hatte sie den Beweis. Sie stand allein am Ufer, kleine Wellen schienen sich nach ihren F??en zu strecken und leichter Wind k?hlte ihr verschwitztes Gesicht. ?Bring dich in Sicherheit!? und ?Du musst hier weg!?. Sie stand allein am Meeresufer, in einem Land, das sie nicht kannte. Ein paar Menschen tummelten sich in einiger Entfernung im Wasser. Die Erkenntnis traf sie wie ein Blitzschlag: ?Die Stimme ist in meinem Kopf!!!?


?Okay?, versuchte sie krampfhaft, Ruhe zu bewahren. ?Du h?rst also eine Stimme, die dir sagt, du sollst von hier verschwinden. Hey, altes M?dchen, du verlierst den Verstand!!? Die Panik lie? sich nicht l?nger verdr?ngen. ?Oh mein Gott, ich habe eine STIMME in meinem Kopf!? Psychose, Schizophrenie, Wahnsinn ? Begriffe schossen ihr durch den Sinn. ?Was mache ich jetzt, was mache ich blo??? Panik wich der Verzweiflung, Tr?nen rannen ungehemmt ?ber ihr Gesicht. ?Bring dich in Sicherheit! Du musst hier weg!? Die Stimme hatte nicht an Intensit?t verloren. Doch je l?nger Ramona darauf lauschte, umso vertrauter schien ihr der Tonfall. Sie kannte den Sprecher, auch wenn sie ihn nicht benennen konnte. Immer noch war Angst in ihr, doch wieder zwang sie sich zur Ruhe. ?Die Stimme warnt mich ? der Sprecher meint es offenbar gut mit mir. Ich sollte versuchen, mich mit ?ihm? anzufreunden.? Sie wartete, bis Sonne und Wind die salzigen Tr?nen auf ihrem Gesicht getrocknet hatten und ging dann langsam, nahezu vorsichtig, auf dem Steg zur?ck in das Lokal, das sie noch vor ein paar Minuten v?llig panisch verlassen hatte.


Der gutaussehende Kellner schien bemerkt zu haben, dass es der deutschen Touristin nicht gut ging. Er war in Deutschland aufgewachsen und erst als Erwachsener in sein Heimatland zur?ck gekehrt. Mit Deutschland verband er nette Erinnerungen. Diese Sympathie ?bertrug er jetzt auf die attraktive Enddrei?igerin. W?hrend Ramona versuchte, bei einer Tasse Tee ihre Fassung zur?ck zu gewinnen, l?chelte Dimitrios sie freundlich an und verwickelte sie in ein Gespr?ch. ?Woher in Deutschland kommen sie??. Ramona fuhr erschrocken zusammen. Sie war so mit ihrem akustischen Begleiter besch?ftigt gewesen, dass eine reale Konversation sie v?llig ?berraschte. ?Ach, ich wohne in einem Dorf in der N?he von Frankfurt?. ?Sind Sie allein in Peramos?? ?Nun ja,? dachte Ramona, ihren Galgenhumor zur?ck gewinnend, ?ganz allein offenbar nicht?. Sie antwortete: ?Ja?.


?Darf ich fragen, wo Sie hier wohnen?? ?Ich habe ein kleines Appartement gemietet. Am Ende der Promenade.? ?Bei Takis Panaiotis?? ?Ja, genau ? kennen Sie ihn?? Dimitrios lachte bitter auf, sein Blick verfinsterte sich. ?Jeder in Peramos kennt Takis Panaiotis.? Unvermittelt wandte sich Dimitrios ab und ?berlie? Ramona sich selbst und der Stimme in ihrem Kopf. ?Merkw?rdig?, dachte sie. ?Ein so pl?tzliches Ende der Unterhaltung hatte ich irgendwie nicht erwartet.? Wortlos zahlte sie ihren Tee und verlie? das Lokal. ?So, mein Freund, dann gehen wir beide jetzt mal nach Hause?. Beinahe konnte sie schon wieder ?ber sich selbst lachen.


Erst als sich Ramona auf dem bequemen Liegestuhl auf dem Balkon ihres Appartements ausgestreckt hatte, dachte sie dar?ber nach, wovor die Stimme sie wohl warnen wollte. Sie konnte beim besten Willen nichts Bedrohliches entdecken. Die Menschen hier schienen freundlich zu sein. Dass sie Ramona nicht verstanden, war ja nicht deren Fehler. Das spartanisch-behagliche Ambiente des Appartements versprach ihr die erhoffte Ruhe und die Sirtaki-Kl?nge aus dem Tanzlokal nebenan zeugten von fr?hlicher Ausgelassenheit. Was, zum Teufel, wollte der Kerl in ihrem Kopf also von ihr? ?Sag mal, mein Freund ? hast du eigentlich etwas dagegen, wenn ich dir einen Namen gebe? Das ist ein bisschen pers?nlicher. Wenn du schon in meinem Kopf bist, sollte ich dich wenigstens ansprechen k?nnen. Lass mich ?berlegen, was zu dir passen w?rde .... hmmm, wie w?re es mit .... Hermes?? Wozu hatte sie im Flugzeug griechische Mythen gelesen? Hermes war der G?tterbote ? vielleicht hatte er ihr tats?chlich eine Nachricht ?von oben? zu ?bermitteln?


Hermes schien von seinem neuen Namen unbeeindruckt. ?Bring dich in Sicherheit! Du musst hier weg!? fl?sterte er ohne Pause. Die permanenten Wiederholungen trieben Ramona nicht mehr in Panik, vielmehr sorgten sie daf?r, dass Ramona in traumlosen Schlaf fiel.


?Wegbringen... festhalten...Ausweis...verkaufen... Boot ... Insel... Kunden...Deutsche?


Ramona erwachte. Seltsam! Hermes hatte offenbar seinen Sprachschatz erweitert. Statt der unaufh?rlichen Warnungen fl?sterte er jetzt W?rter, deren Sinn Ramona nicht verstand. Doch jetzt h?rte sie noch mehr Stimmen. ?Oh je, Hermes hat doch nicht etwa Gesellschaft bekommen??, dachte Ramona, aber dann erkannte sie, dass die anderen Stimmen nicht aus ihr kamen. Auf dem Balkon, der direkt ?ber ihrem lag und der offenbar zur Wohnung des Vermieterehepaares geh?rte, unterhielt sich Takis Panaiotis mit seiner Frau. Takis klang energisch und gelegentlich laut, w?hrend seine Frau eher ruhig, nahezu sch?chtern antwortete. Ramona verstand kein Wort von dem Gespr?ch, das die beiden dort oben f?hrten, also konzentrierte sie sich wieder auf das, was Hermes ihr zu sagen hatte.


?Wegbringen... Ausweis...verkaufen... Boot ... Insel... Kunden...Deutsche?


?Hermes? seufzte Ramona leise. ?wenn ich doch nur w??te, was das jetzt wieder zu bedeuten hat? ? und dann hatte sie eine Idee. ?bersetzte Hermes dort gerade Fetzen der Unterhaltung, die direkt ?ber ihren K?pfen gef?hrt wurde? Ja, das musste es sein. ?Verflixt. Meinen die beiden mit der Deutschen etwa mich?? ?Wegbringen...festhalten....Ausweis...? Die Erkenntnis traf sie wie ein Keulenschlag. Die beiden hatten also d?stere Pl?ne mit ihrem deutschen Feriengast. Davor hatte Hermes sie warnen wollen. ?Oh NEIN, ich sitze in der Tinte?. Ramona konnte sich nicht wirklich vorstellen, was ihre Vermieter konkret beabsichtigten, aber sie ahnte, dass es wohl kl?ger w?re, das Haus zu verlassen. ?Hm, ich gehe noch mal zu dem netten Kellner. Immerhin spricht er meine Sprache und diesem Takis scheint er selbst ein wenig skeptisch gegen?ber zu stehen. Ich werde ihm von meinem Dilemma berichten. Vielleicht kann er mir helfen?.


W?hrend die Sonne langsam der Abendd?mmerung wich, versuchte Ramona, die neuen Vokabeln ihres st?ndigen Begleiters in einen Zusammenhang zu bringen. Wollte man die Deutsche auf einem Boot zu einer Insel bringen? W?rde man ihr den Ausweis wegnehmen und zu einem guten Preis verkaufen? ?Absurd!?, sagte sich Ramona. ?Warum ausgerechnet ich?? Sie hatte sich aber nun einmal entschlossen, Hermes als Freund zu betrachten und seine Warnungen ernst zu nehmen. Wenn sie sich retten wollte, musste sie also handeln.


Dimitrios stand hinter der Theke. Offenbar verbrachte er zwei Drittel des Tages damit, Gl?ser zu sp?len. Als Ramona an einem der kleinen Tische Platz nahm, warf er einen kurzen nichtssagenden Blick her?ber, fuhr aber zun?chst unbeirrt in seinem Tun fort. Erst als das letzte Glas zum Abtropfen auf der Sp?le stand, bem?hte sich Dimitrios an den Tisch der deutschen Touristin. ?Guten Abend, was darf ich Ihnen bringen?? fragte er. Ramona hielt es f?r besser, nicht gleich mit der T?r ins Haus zu fallen. Nur zu gut erinnerte sie sich an Dimitrios merkw?rdige Reaktion, als sie am Nachmittag den Namen ihres Vermieters erw?hnt hatte. ?Einen Bauernsalat und ein Glas trockenen Rotwein, bitte?. Dimitrios nahm ihre Bestellung auf und verschwand wortlos in Richtung K?che. Schon bald darauf servierte er den Wein und schenkte ihr sogar ein kleines L?cheln. Ramona l?chelte zur?ck und z?gerte nicht, ihrerseits ein Gespr?ch mit Dimitrios zu beginnen. ?Wo haben sie Deutsch gelernt?? ?Ich habe in Deutschland gelebt, bis ich zwanzig war. Dann wollte ich wieder zur?ck in die Sonne.? ?Haben sie Familie?? ?Ja, meine Eltern leben hier in Peramos. Entschuldigen Sie, es sind neue G?ste gekommen. Ich muss weiter arbeiten.? Sprach?s und verschwand in Richtung eines gro?en Tisches, wo sich unter fr?hlichem Gel?chter ein Dutzend Jugendlicher niedergelassen hatte.


Hermes hatte inzwischen seinen alten Rhythmus wiedergefunden und setzte seine Warnungen pausenlos fort. Ramona musste handeln. Als Dimitrios die jungen Leute am Nebentisch mit Getr?nken versorgt hatte, ging sie darum noch einmal in die Offensive. ?Mein Vermieter, Sie sagten jeder in Peramos kennt ihn. Ist er ein netter Mensch?? fragte sie Dimitrios und beobachtete dabei seinen Gesichtsausdruck. Seine Miene verriet Anspannung. ?Takis ist ein knallharter Gesch?ftsmann. Er wei?, wie man zu Geld kommt. Bei den meisten hier ist er trotzdem beliebt.? ?Womit verdient er denn sein Geld?? hakte Ramona nach und musste sich eingestehen, dass sie f?r eine derartige Befragung die denkbar schlechteste Person war. Zu sehr brannten ihr Fragen auf den Lippen, als dass sie sich mit der Kunst des unauff?lligen Fragens h?tte belasten wollen. ?Das wei? niemand so ganz genau?. Dimitrios? Antwort war nicht wirklich dazu geeignet, ihre ?ngste zu zerstreuen. ?Er handelt mit allem, was ihm in die Quere kommt.? setzte Dimitrios noch hinzu, was in Ramona s?mtliche Alarmglocken zum L?uten brachte. Ihr Herz begann zu rasen und ihre Angst ?bert?nte den Verstand, als sie ihre n?chste Frage stellte. ?Verkauft er auch Menschen?? Dimitrios bitteres Lachen und ein kurzes ?Manchmal? waren die Antwort.


?H?ren Sie, sie sind fremd hier und m?chten sicher die Gegend kennenlernen. Nach Feierabend will ich mit dem Boot r?berfahren zu einer kleinen Insel. H?tten Sie nicht Lust, mich zu begleiten? Dann kann ich Ihnen in Ruhe erz?hlen, was Sie wissen m?chten.? Spontan willigte Ramona ein, nicht ohne gleich darauf an der Richtigkeit dieser Entscheidung zu zweifeln. War sie denn von allen guten Geistern verlassen? Vor kurzem hatte sie ein Gespr?ch belauscht, in dem es darum ging, dass man sie verkaufen wollte ? wobei Ramona sich immer noch wunderte, wer in drei Teufels Namen denn so dumm sein w?rde, einen Kaufpreis f?r eine mittelalterliche Deutsche auf den Tisch zu bl?ttern ? und jetzt war sie bereit mit einem griechischen Kellner, dessen einziger Verdienst war, ihre Sprache zu sprechen, zu einer abgelegenen Insel zu fahren. ?Ramona, du musst wirklich verr?ckt geworden sein?, dachte sie und w?hrend sie darauf wartete, dass Dimitrios seine Arbeit beendete, unternahm sie den Versuch eines inneren Zwiegespr?chs mit Hermes. Ihr Begleiter indes schien nicht an Smalltalk interessiert. Er stie? unbeirrt seine Warnungen aus. ?Du musst hier weg! Bring dich in Sicherheit!?.


Nur zwei Stunden sp?ter setzte Ramona den Fu? auf die kleine Insel, die Dimitrios w?hrend der ?berfahrt als sein pers?nliches kleines Paradies beschrieben hatte. Hier kam er her, wenn er allein sein wollte. Die Insel war viel zu klein, um bewohnt zu sein. Pflanzen und Insekten bestimmten ihre Vegetation ? dennoch besa? sie einen wundersch?nen Sandstrand, wo sich die beiden Ausfl?gler nun niederlie?en. Ramona f?hlte sich noch immer unbehaglich. Dimitrios holte eine Flasche Wein und zwei Gl?ser aus dem Boot und w?hrend er Ramona zuprostete, funkelten seine Augen gef?hrlich. Das Funkeln konnte alles M?gliche bedeuten und Ramona hoffte inst?ndig, dass ihre Entscheidung hierher zu kommen, nicht die falsche gewesen sein m?ge. ?Takis ist mein Vater?, nahm Dimitrios das Thema wieder auf. Seine Augen funkelten noch immer, aber jetzt konnte Ramona erkennen, dass es blanke Wut war, die sich darin spiegelte. ?Sie haben vorhin gefragt, ob er auch mit Menschen handelt. Ja, das tut er!! Er wollte seinen einzigen Sohn verkaufen! Nat?rlich nicht gegen Bargeld. Er hatte sich in den Kopf gesetzt, mich mit der Tochter eines reichen Gesch?ftsmannes aus Kavala zu verkuppeln. Reichtum zu Reichtum war seine Devise. Aber er hatte die Rechnung ohne mich gemacht. Diese Helena machte ihrem Namen ?berhaupt keine Ehre. Sie war ein h?ssliches Entchen und noch dazu strohdumm. Ich wollte sie nicht heiraten!? Ramona h?rte zu und beobachtete dabei Dimitrios lebhafte Mimik. ?Er wollte mich f?r den Wohlstand der Familie verkaufen, mich zur Hochzeit zwingen. Aber ich lasse mich von NIEMANDEM zwingen. Was soll ich sagen? Mein Vater duldet keinen Widerspruch, also hat er mich enterbt und mich aus der Familie versto?en. Wenn ich meinen Eltern auf der Stra?e begegne, schauen sie in die andere Richtung oder wechseln die Stra?enseite. Ich bin allein.? W?hrend Ramona mit Dimitrios litt, stellte sie zu ihrer ?berraschung fest, dass Hermes schwieg. Keine Stimme mehr in ihrem Kopf. War sie nun in Sicherheit, hatte der Wein sie so bet?ubt, dass sie die Stimme nicht mehr h?rte oder war Hermes vom vielen Sprechen heiser geworden? Hermes schwieg, doch bevor Ramona sich noch dar?ber wundern konnte, erz?hlte Dimitrios weiter. ?Mein Vater handelt jetzt haupts?chlich mit Booten. Er kauft alte Fischerboote, m?belt sie wieder auf und verkauft sie dann wieder ? ?berwiegend an Deutsche.? Ramona begann zu lachen. Dimitrios schaute sie verst?ndnislos an, aber Ramona lachte weiter, befreit und sich selbst f?r ihre Dummheit scheltend. ?Er handelt mit Booten? dachte sie ?und ich Dummkopf hatte angenommen, ICH soll verkauft werden. Albernes G?nschen!? Nat?rlich konnte sie Dimitrios den Grund f?r ihre pl?tzliche Heiterkeit unm?glich erkl?ren, ohne sich selbst komplett l?cherlich zu machen und ihm noch dazu von Hermes zu erz?hlen. ?Entschuldigen Sie? sagte sie statt dessen, ?ich musste gerade an einen Witz denken?. Eine Weile blieben sie noch am Strand sitzen, den Wein zwischen sich, unbefangen plaudernd und guter Laune. Endlich beim ?Du? angelangt, traten die beiden kurz darauf den Heimweg an. Die Nacht war sternenklar und friedlich und Ramona f?hlte sich zum ersten Mal seit ihrer Ankunft v?llig entspannt.


Eine Stunde sp?ter: Fassungslosigkeit!


Wo noch am Nachmittag Ramonas Ferienwohnung gewesen war, schlugen nun Flammen aus den Fenstern. Vor dem Haus Feuerwehr, Polizei, Krankenwagen ? Menschen, die hektisch umherrannten, verzweifelt bem?ht, Hausbewohner in Sicherheit und das Feuer unter Kontrolle zu bringen. Ramona sah gerade noch, wie Takis Frau in den Krankenwagen gebracht wurde, ihr Gesicht ru?geschw?rzt. Ramona konnte ihr schmerzerf?lltes St?hnen h?ren. Dimitrios, der sehr schnell von dem Ungl?ck geh?rt hatte, war zur Ungl?cksstelle geeilt. Er w?rde der Ambulanz ins Krankenhaus folgen. Nur kurz wandte er sich an Ramona. ?Es scheint eine Explosion gewesen zu sein. Vermutlich ist ein Fass mit Dieselkraftstoff f?r ein Boot in Brand geraten. Mein Vater wollte ja nicht h?ren. Nur gut, dass wenigstens Du nicht zu Hause warst, als es passierte! ?


Ratlos und betroffen stand Ramona vor dem flammenden Etwas, das ihr Feriendomizil h?tte sein sollen. Irgendwo zwischen den unz?hligen Helfern erkannte sie den finsteren Taxifahrer vom Nachmittag wieder und auch er hatte sie entdeckt. Gestikulierend kam er auf sie zu, legte den Arm um sie und f?hrte sie die Stra?e entlang zu einer kleinen Pension, wo er der Wirtin klar zu machen schien, was passiert war und dass der deutsche Gast eine Schlafst?tte brauchte. Ramona l?chelte ihm dankbar zu und deutete dann auf das Telefon. Sie musste Annette anrufen! Als sich die Freundin meldete, war ihre Stimme kaum zu erkennen. Statt des Namens drang ein Schluchzen an Ramonas Ohr. ?Annette! Was ist passiert?? schrie Ramona fast in den H?rer. Unter Aufbietung all ihrer Kraft stammelte Annette: ?Ramona, Vasily. Vasily ist ...? ?Vasily ist was?? ?Er ist tot!? Nein, das war zu viel. Das konnte doch nicht sein. ?Wann, Annette ? wann ist er gestorben?? ?Heute Morgen. 11.17 Uhr.? Fassungslos erinnerte sich Ramona. Das war die Zeit, als sie Hermes? Stimme zum ersten Mal realisiert hatte. Und nun verstand sie...
29.11.04 18:59


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